„Unsere CD nicht zu kaufen, ist auch Demokratie“

März 28, 2010 in DMB in Europa, Interviews von silke-s

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Teil 2

Silke: „Klar. (Die Fragen hätte ich fast vergessen. Ich glaube, wir hätten auch zwanzig Minuten mit Daves Anekdoten zubringen können.) Zur ersten Frage: Deine Lieder lassen normalerweise viel Raum für Interpretationen und einige Deiner Fans diskutieren die Texte in Band bezogenen Foren. Fühlst Du Dich oft missverstanden oder bist Du jemals richitg sauer geworden auf einen Fan, der einen Song falsch interpretiert hat?“

Dave: „Nein, ich werde nicht sauer. Ich meine, ich bin kein perfekter Poet. Ich gebe mein Bestes, aber ich bin nicht Shakespeare. Der könnte es wahrscheinlich besser auf den Punkt bringen. In der Vergangenheit hab ich meine Texte offener gestaltet, beispielsweise bei Themen wie Liebe und so weiter. Dann war ich oft im Nachhinein kritisch mit mir selbst. Ich dachte die Texte könnten vielleicht nicht konkret genug sein. Grundsätzlich versuche ich einfach ein Gefühl, eine Stimmung rüberzubringen, was dann aber bei jemand anderem natürlich ganz andere Gefühle hervorrufen kann. Was in Ordnung ist. Wenn ich eine Situation beschreibe geht es mir mehr um die Melancholie oder die Stimmung in dieser Situation. Wenn sich jetzt jemand anders meinen Song anhört und aufgrund seiner eigenen Erfahrung andere Gefühle dabei empfindet ist das nicht falsch. In dem Sinne gibt es keine “falsche” Interpretation. Auf der neuen Platte habe ich versucht, mich klarer auszudrücken und es geht daher oft um den Kampf “Kopf gegen Gefühl”, und das ist auch das, was ich wollte. Aber wie gesagt, ich bin nicht Shakespeare.“

Silke: „Aber genau wie Shakespeare kannst Du Dich auch nicht wirklich verteidigen in dem Sinne. Es ist ja nicht möglich, dem Zuhörer direkt zu antworten oder jedes Forum im Netz zu überprüfen, um etwas klarzustellen.“

Dave: „Das habe ich einmal sogar getan. Es gab da einen, der “Last Stop” missinterpretiert hat. Für die meisten ist der Song ein klares Anti-Kriegs-Bekenntnis. Dieser Kerl aber nannte den Song anti-semitisch und das hat mich tatsächlich sauer gemacht. Aber wir haben das dann untereinander geklärt und alles war okay. Das war das einzige Mal, dass ich das Gefühl hatte, etwas klarstellen zu müssen. Aber die meisten meiner Songs sind sowieso nur “Gobbeldy Goop” (dt. “Blubberdi-Blubb” o.ä.)…

Silke, Dave und CarolineSilke: „Wie würde man das buchstabieren, gobbeldy…?“

Dave (lacht): „Vergiss es, schreib einfach “Bullshit”. (Dave schaut auf meinen Zettel, ich notiere: “BS”) Ja, genau das.“ (Heiteres Lachen bei allen Anwesenden. Ich weiß bis heute nicht, wie man das, was er sagte, wirklich schreibt.)

Silke: „Meine zweite Frage lautet: DMB unterstützen nicht nur viele soziale oder “grüne” Projekte, ihr seid auch politisch engagiert. Während politische und soziale Anstrengungen von Bands hier in Deutschland größtenteils auf Akzeptanz stoßen, verfolge ich viele amerikanische Blogger, die sich über “zu viele Statements” beschweren. (Dave beugt sich zu mir um auf meine Notizen zu schauen und ich sehe die Notwendigkeit klarzustellen, dass die folgenden Zitate nicht von mir stammen. “That’s what I found online” sage ich und lese nervös weiter, mit dem Finger auf meinem Spickzettel) Sie fragen “Warum hält Dave nicht die Klappe und macht einfach nur Musik?” Glaubst Du nicht, je mehr Projekte ihr unterstützt umso höher ist das Risiko, Fans, die Eure Meinung nicht teilen, zu verschrecken?“

Dave: „Ich kümmere mich nicht darum, ob ich Fans verschrecke. Wenn ich ein Statement mache bin ich davon überzeugt, dass es richtig ist – zumindest in diesem Moment. Ich schaue eventuell nach einer Zeit zurück auf verschiedene Aussagen und finde dass das Ziel, was ich unterstützt habe, nicht vollkommen erreicht wurde, aber das macht es ja nicht zu einer falschen Entscheidung. Zum Beispiel hat Obama noch nicht alles was ich gehofft hatte erreicht. Aber ich bin immernoch davon überzeugt, dass er seinen Job besser macht als Bush es getan hat…“

Silke: „…oder McCain es gekonnt hätte?“

Dave: „Genau. Also hat sich meine Meinung nicht komplett geändert und ich bereue auch keine meiner Statements oder die Entscheidung, Obama oder bestimmte Projekte zu unterstützen. Weil in dem Moment, in dem ich diese getroffen habe, waren sie in meinen Augen richtig. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen sich die Demokratie anders entwicklet hat, verwechseln die Leute in den USA manchmal Kapitalismus mit Demokratie. Manche schreiben sich Demokratie auf ihre Fahnen aber das, wofür sie stehen, beschreibt Kapitalismus wesentlich eher als Demokratie. Sie sind sich dessen wohl nicht bewusst, weil das ein generelles Problem in den Staaten ist. In diesem System geht es eben mehr um Kapitalismus als um Demokratie. Wenn ein Fan jetzt aber entscheidet, dass er mit meiner Meinung nichts anfangen kann und deshalb meine Musik nicht kaufen möchte, dann ist das auch eine Art, von seinem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Er unterstützt uns dann halt nicht mit dem Kauf einer CD. Er wird unsere Musik vielleicht trotzdem mögen und sie sich deshalb vielleicht woanders klauen, aber dafür werde ICH ihn bestimmt nicht verfolgen…nee, sowas würde ich nicht machen.“

Dave lächelt so verschmitzt, dass keine unangenehme Pause entsteht.

Silke: „Es soll verrückte Leute geben, die ihre Kinder nach ihrem Lieblingsstar nennen. Und manche Stars werden über die Jahre selbst zu Verrückten. Wenn ich Dich auf der Bühne Faxen machen sehe, frage ich mich manchmal, wie hoch wohl die Chancen stehen, dass mein Sohn „Dave“ (Dave reißt die Augen auf, schaut amüsiert) -der nach Dir benannt wurde- sich irgendwann für seine Namens-Geschichte schämen wird?“

Seth lacht und schüttelt bei dem Wort „schämen“ so ungläubig den Kopf, als ob sich nie zuvor jemand getraut hätte, den großen Dave Matthews so etwas zu fragen.

Dave: „Tja, wie soll ich sagen… wenn ich’s versaue, wäre das nicht dann das Problem der verrückten Mutter? (Dave schaut mich herausfordernd an, ich versuche, einen betroffenen Gesichtsausdruck zu machen, was mir aber nicht gelingt weil alle lachen.) Jetzt mal im Ernst: wenn er die Story mal nicht mehr erzählen möchte, könnte sie es ja auf einen anderen „David“ abwälzen, zum Beispiel „King David“ oder irgendeinen anderen bekannten Star wie… weiß nicht…nenn einen…“

Silke: „David Bowie?“

Dave: „Ja, der geht.“ (lacht)

Kai fragt auf deutsch, ob mein David einen Zweitnamen hat und ich erkläre der Runde -wieder auf englisch-, dass ich in Erwägung gezogen habe, „Matthew“ als Zweitnamen zu nehmen, mir das aber dann doch „zu riskant“ war. Dabei gebe ich Dave den herausfordernden Blick von vorhin zurück. Der ist immernoch sehr amüsiert.

Dave: „Selbst wenn sein Name David Matthews wäre, ist das immernoch ein verbreiteter Name. Ich wette es gibt 100 Dave Matthews allein in New York, die füllen wahrscheinlich eine ganze Seite im Telefonbuch. Ich wäre an Deiner Stelle also nicht beunruhigt.“

Silke: „In der nächsten Frage geht es auch um Familie. Viele Fans fragen sich ja, wieviel Einfluss jeder einzelne von Euch auf die Auswahl der Setlisten während der Tour hat. Ich als Mutter frage mich oft, wieviel Einfluss Eure Familien auf den Tourplan haben? Versucht Ihr überhaupt, um wichtige Geburtstage oder Hochzeitstage herum zu planen oder ist das gar nicht möglich?“

Dave: „Natürlich ist das wichtig. Wir versuchen so gut wie möglich unsere Familien einzubinden und sie bei uns zu haben. Das ist mir sehr wichtig und gewinnt sogar mehr und mehr an Bedeutung, je älter die Familienmitglieder werden.“

Während seiner Antwort schaut er meiner Schwester unuterbrochen in die Augen, wartet auf bestätigendes Nicken. Er wirkt auf uns plötzlich sehr aufgewühlt und nachdenklich.

Dave: „Das ist wirklich gerade im Moment eines der Hauptthemen, mit denen ich mich beschäftige, dass ich damit zurecht kommen muss, so weit von meiner Familie entfernt zu sein. Das müssen wir alle. Hier in Europa sind wir alle sehr weit weg von ihnen während unsere Familien uns in den Staaten oft auf den Touren begleiten können, weil dort (während der Sommertournee) keine Schule stattfindet. Auf dieser Tournee jedoch müssen wir damit klarkommen, sie einen Monat lang nicht zu sehen und es fällt uns allen sehr schwer, sie nicht dabei zu haben. Ich vermisse meine Kinder wirklich sehr, (zu mir:) wie Du Dir sicher vorstellen kannst. Mit ruhig, trauriger Stimme wiederholt er zur Bestärkung: Ich vermisse meine Kinder und meine Frau sehr. Dies ist ein sehr emotionales Thema für mich, besonders 20 Minuten bevor ich auf die Bühne gehe, wo es am wichtigsten sein sollte, dass die Leute mit uns eine gute Zeit haben.“

Dave gibt AutogrammEin Tourbetreuer kommt herein und gibt uns „noch zwei Minuten“. Wir stehen vor der Entscheidung, noch schnell die fünfte Frage zu stellen oder uns gemütlich zu verabschieden. Uns scheint es in dem Moment wichtiger, nach der letzten emotionalen Frage einen positiven Abschluss für das Meet & Greet zu finden. So schlage ich Dave vor, die 5. Frage fallen zu lassen und stattdessen noch die Poster, Hoodies und was wir sonst noch unseren Freunden aus dem Fanclub versprochen haben, zu signieren. Er scheint erleichtert und fragt routiniert, für wen die einzelnen Sachen sind. Obwohl sich bei den Betreuern allgemeine Hektik breit macht, lässt sich Dave Zeit und schlägt vor, wenigstens die Poster an die anderen Bandmitglieder weiterzugeben. Da diese sich aber alle bereits auf den Auftritt vorbereiten, wird davon abgesehen, was Dave uns gegenüber tatsächlich bedauert. Es ist schade, dass wir die restlichen DMB-Musiker tatsächlich nicht treffen dürfen.

Wenigstens der High-Hat vom Schlagzeug meines Kumpels Basti sollte von Carter signiert werden und Kai verspricht, ihn noch vor Konzertbeginn aufzutreiben. Alle helfen, die Sachen in unseren drei Taschen zu verstauen, damit wir uns noch herzlich von Dave verabschieden können. Der tritt schon nervös von einem Fußauf den anderen und fragt den „Zeitansager“, ob er „ schon Reaktionen eingefangen hat“. „Von wem?“ Dave: „Na vom Publikum, wie sind die Reaktionen bisher?“ Tatsächlich scheint er etwas Lampenfieber zu haben, was ihn uns noch sympathischer macht. Noch ein paar Küsschen rechts und links, da drückt uns Dave nochmal richtig fest und betont lange, bedankt sich für das nette Gespräch und die guten Fragen.

Distanz? Starallüren? Aufgesetzte Lockerheit? Bei Dave Matthews findet man die zumindest nicht. Für uns war er ein „Star zum anfassen“, ein Mensch mit Ecken und Kanten, der seinen plötzlichen emotionalen Wechseln freien Lauf lässt. Genau wie auf der Bühne ging auch im Faninterview im Minutentakt Lachen in Traurigkeit über, lockere Scherze in Sarkasmus. Dave scheint nie darum bemüht, einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Er ist wie er ist: nicht ohne Selbstzweifel, aber mit einem betont gelassenen Selbstverständnis. Auf der Bühne erscheint er uns später wie ein guter Freund, dessen emotionale Bandbreite man im Zeitraffer von 20 Minuten erleben durfte.

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Ein Interview von Markus Hanneken und Frank Helleken in Hamburg
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