15 Minuten mit Dave Matthews

April 27, 2010 in Interviews von proudest monkey

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Von Elena Pizetti

Mailand, 22. Februar 2010. Ich sitze in einem Taxi zum „Palasharp“, wo die Dave Matthews Band ihren ersten der drei italienischen Auftritt spielen wird. In meiner Tasche befinden sich neben meinem Ticket auch ein Aufnahmegerät und ein paar Blätter Papier: Ich werde Dave Matthews vor dem Konzert für das italienische Musikmagazin Buscadero interviewen.

Ich erreiche das Palasharp frühzeitig und suche mit Corsina (a.d. Red.: Kopf der italienischen DMB-Community Con-Fusion) nach dem Tour-Director. Es nieselt und ich friere in meiner leichten Frühlingsjacke, die ich mir in Mailand in der Hoffnung auf gutes Wetter gekauft hatte. Ein grinsender Typ mit langem, braunem, gelocktem Haar kommt aus dem Catering-Container und fragt uns, ob wir irgendwas brauchen. Corsina antwortet ihm, dass sie G. treffen soll und er erklärt sich bereit, nach ihm zu suchen. Er verschwindet in der grauen Halle der Sporthalle und kommt nach ein paar Minuten zurück und teilt uns mit, dass er ihn auf dem Transceiver erreicht hat und er kommen wird. An diesem Abend werden wir unseren freundlichen Helfer auf der Bühne wiederfinden. Er ist kein Mitglied der Crew, sondern Terry Wolfer, Bassist der Vorgruppe Alberta Cross.

Nach einem weiteren kurzen und kalten Warten erscheint G. endlich aus einer kleinen Tür. Corsina betritt die Arena mit ihm und ich trenne mich von ihnen, weil ich mich in zehn Minuten ein Treffen mit einem Repräsentanten des italienischen Warner-Music-Managements haben werde. Ich erreiche den Presseschalter zusammen mit anderen Journalisten und werde in das Pavillion geleitet. Von den noch leeren Tribünen sehe ich, wie die Welle der Con-Fusion-Fans ungestüm in die Halle bis an die vorderen Absperrgitter schwappt. Einer der Journalisten fragt: „Wer sind die Leute – Ausländer?“ Vielleicht erwartet er nicht einen solchen Enthusiasmus von italienischen Fans.

Uns wird erzählt, dass das Interview in Daves Umkleideraum stattfinden wird. Sobald die Fernsehanstalten fertig sind, bin ich an der Reihe. Ich werde 15 Minuten haben, um mit Dave von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Jemand von dem Staff bringt mich in den Backstage-Bereich und dort warte ich zehn Minuten in einem kleinen Gang, wo ich die die Töne von Jeff Coffins Saxophon aus einer der vielen verschlossen Türen höre. Carter kommt mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht und einem riesigen Kopfhörer. Nach einer Weile kommt Jeff raus, ein Saxophon baumelt an seinem Hals herunter. Er lugt in die Halle, spricht kurz mit einem Crew-Mitglied und geht anschließend zurück in sein Ankleidezimmer. Als er an mir vorbei kommt, treffen sich unsere Augen und er grüßt mich mit einem „Hi“ sowie einem ansteckendem Lächeln. Überall herrscht eine gute Atmosphäre. Eine Tür zu meiner Linken öffnet sich und mein Begleiter winkt mich herein. Die Journalisten von „La7 TV“ verlassen mit ihrer umfangreichen Ausrüstung den Raum und ich trete ein.

Dave steht in der Mitte der Garderobe und das erste, was mir ins Auge fällt, ist seine Größe. Es ist nicht einfach seine körperliche Höhe und seine Stattlichkeit, da ist mehr: eine ungreifbare Ausstrahlung, die ihn noch größer erscheinen lässt. Als wenn sich seine Präsenz über die physische Grenzen hinaus über den ganzen Raum erstrecken würde. Er kommt lächelnd auf mich zu, während seine Augen mich nicht nur einfach anstarren, sondern eingehend mustern – aber nicht in einer peinlichen, beschämenden Art und Weise. Ein Mitarbeiter fragt nach dem Namen des Magazins, für das ich arbeite und als ich „Buscadero“ antworte, erklärt er Dave, dass dieser auf dem Cover der Ausgabe des letzten Monats war. Ich gebe ihm ein „Buscadero“-Februarheft mit einer Übersetzung von Benedetta Copeta und Carla Melis. Dave zeigt auf das Foto und kommentiert die schreckliche Frisur, die er an dem Tag hatte und wir brechen in Lachen aus. Er fragt nach meinem Namen und als ich „Elena“ antworte, wiederholt er das zweite ‚e’ betonend “Eléééna?“. Ich korrigiere ihn gespielt genervt, „Nein, Èlena!“, den Akzent auf der ersten Silbe. Er versucht es erneut „Eléééna!“. Nun ist es etwas Prinzipielles: „Nein, Èèèlena!“. Schlussendlich spricht er es richtig aus und ich gratuliere ihm mit einem schallenden „Yeah!!“ Er fängt an „Èèèlena! Èèèlena!“ immer stärker werdend zu wiederholen zusammen mit ausdrucksstarken pantomimischen Gesten. Das ist definitiv ein lustiger, nicht zu übertreffender Einstieg in mein Interview.

Er sitzt auf dem Sofa; ihm gegenüber, hinter einem Tisch voller Zettel, stehen zwei Stühle. Während ich mich auf einen dieser Stühle zubewege frage ich, wo ich sitzen soll. Er jedoch zeigt auf das Sofa und sagt „hier, hier!“. Ich setze mich neben ihn und frage, während ich das Interview und meinen Rekorder auf den Tisch lege, wie er sich fühlt und ob er glücklich ist, wieder in Italien zu sein. Er ist es und zwar sehr. Bevor wir beginnen erkläre ich ihm, dass ich nicht nur der Interviewer von ‚Buscadero’ bin, sondern auch eine Mitglied von Con-Fusion. Lächelnd nickt er: „Oh, wie nett!“. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Zettel: sie sind voller Zeichnungen und Kritzeleien. Auf einem von ihnen entwirft er gerade die Setlist für das Konzert. Ich frage ihn, ob er noch Zeit braucht oder wir anfangen können und er löst sofort seinen Blick von dem Zettel und ruft „Nein, nein!! Du kannst anfangen!!“ als hätte ich gar nicht fragen sollen.

Während Dave sich meine Fragen anhört, starrt er mich intensiv mit einem Ausdruck auf dem Gesicht wie, „Was in Gottes Namen fragst Du da?“ an. Aber im Gegenteil, das ist sein typischer hochkonzentrierter Blick. Als ich ihn nach seiner Schauspielerei frage, hebt er plötzlich eine Augenbraue, so dass ich für einen Moment innehalte und ihn fragend anschaue, ob ich etwas Falsches gesagt habe. Er bemerkt, dass er etwas ungewiss wirkt und senkt seine Augenbraue, entspannt sich und fordert mich auf fortzufahren.

Am Ende jeder Frage wird aus seinem anziehenden Schweigen ein Schwall von Wörtern begleitet von einer Vielzahl an Gesten. Er antwortet mit solchem Enthusiasmus und voller Energie, dass all seine Ernsthaftigkeit und Freundlichkeit deutlich wird. Ab und zu, hält er inne um nachzudenken und die richtigen Worte zu finden: Momente der Spannung in denen sein starrer Blick sich löst und ich fast den Atem anhalte, um seine Konzentration nicht mit dem geringsten Geräusch zu stören. In einigen Fällen macht er sich auf einem Zettel Stichworte bevor er antwortet, solange bis die Hauptaussage seiner Antwort aus seinem Stift kommt.

Ich habe einen Stift in meiner Tasche, aber ich mache keine Notizen: der Rekorder arbeitet einwandfrei und ich will die Atmosphäre, die sich von einem Interview zu einem langen Gespräch entwickelt, nicht zerstören. Es wäre nicht angebracht, auf ein Blatt Papier zu starren während er mit mir spricht. Und dazu kommt, ein Interview von Angesicht zu Angesicht zu bekommen, da ist es das Mindeste, ihm ins Gesicht zu schauen! Auf diesem Sofa zu sitzen scheint das Normalste von der Welt zu sein – es ist als ob wir uns schon öfter getroffen hätten.

Im Artikel werde ich nur seine Antworte niederschreiben, aber während der Antworten und Fragen findet ein reger Austausch zwischen uns statt. Als wir über die ‚Big Whiskey’-Illustrationen reden, kann ich nicht anders als ihn zu diesem Meisterwerk zu beglückwünschen. Als er von LeRoi erzählt, erinnere ich ihn an das wundervolle Zitat aus Sam Ericksons Dokumentation, dass er mit seinem Spiel den Eindruck vermittelt hat, irgendwo anders zu sein. Und auf dieses Stichwort hin beginnt Dave seinen wunderbaren Vergleich zwischen Roi und Jeff. Sofort als ich ‚Lucca’ sage, zeigt er seine Begeisterung. Er lässt mich die Frage sogar nicht beenden und beginnt sich an diese „großartige Nacht“ zu erinnern. Ich erkläre ihm, dass es das längste Konzert in der Bandgeschichte war und er wendet sich mir aufmerksam und beeindruckt zu, da er das nicht wusste. In den darauf folgenden Interviews, mit ‚Rockol’ und ‚Radio Due’ zum Beispiel, wird er es den Interviewern auf die zu erwartende Frage nach diesem epischen Konzert selbst erzählen.

Die Zeit vergeht wie im Flug und als man mir sagt, dass nur noch zwei Minuten übrig sind, habe ich noch viele Fragen, die ich Dave stellen möchte. Ich wähle drei davon aus, eine die vom Herausgeber des Magazins verlangt worden war und zwei mit verschieden Themen, um die Vielfalt zu gewährleisten, die ich bei der Vorbereitung des Interviews versucht hatte zu erreichen, obgleich nun mit einer geringeren Anzahl an Fragen, als ich vorbereitet hatte. Daves Liebenswürdigkeit ist grenzenlos: auf das Blatt mit den übrig gebliebenen Fragen blickend, entschuldigt er sich für die langen Antworten, die er gegeben hat. Am Ende des Interviews steht er auf um mir zu danken und sagt mir, was für eine Freude es für ihn war, mich zu treffen. Das absolute Gegenteil von dem was ich erwartet hatte, das passieren würde.

Ich frage, ob ich ein paar Fotos für das Magazin machen kann. Ungeachtet dessen, dass meine Zeit abgelaufen ist und Mitarbeiter des Teams den Raum betreten, um das nächste Interview vorzubereiten, sind alle sehr hilfsbereit und gewähren mir eine weitere Minute. Ich mache einige Fotos von Dave und eines von ihm und mir zusammen und verlasse schnell den Raum.

Im Inneren der Arena sitzend denke ich an das Interview zurück, denke an die zehn Mitglieder von Con-Fusion, die an einem Meet & Greet mit Dave teilnehmen, an die vielen anderen, die ihn treffen, ihn begrüßen werden, ihm ihre Kunstwerke geben werden, ihn ganz nahe spielen sehen werden. Die folgenden Tage sind geprägt von Erinnerungen an das Konzert in Mailand, aber auch angefüllt mit Berichte von Freunden, die die Konzerte in Rom und Padua besucht hatten, jeder besser als der vorherige. Was kann ich tun? Am 6. März einfach nach London fliegen.

Ich schaffe es, meine Reise nach London in ein paar Tagen zu organisieren und am Samstagmorgen befinde ich mich am Flughafen Luton, wo mich Corsina in ein lilafarbenes Taxi nach London entführt. Der Fahrer, ein Inder mit einer unverständlichen Aussprache, beharrt darauf, uns zu erzählen, wo Harrods zu finden wäre.

Nachdem wir unsere anderen italienischen Freunde getroffen haben, machen wir uns auf den Weg zur O2-Arena, wo wir unsere Backstagepässe bekommen. Zusätzlich zu denen von Corsina und Benedetta gibt es einen weiteren für mich; wenn ich Glück habe, treffe ich Dave noch einmal. Wir erreichen den Bereich hinter der Bühne, wo Corsina J. begrüßt und ihm erklärt, dass sie mich gerne dem Tour-Director vorstellen würde. Wir warten auf G. und ich sehe aus dem Augenwinkel eine unverwechselbare Gestalt aus einer Tür treten: Es ist Dave, ein bisschen müde und verschlafen. Er erkennt mich wieder, was ich nicht erwartet hatte, obwohl nur ein paar Tage seit Mailand vergangen sind. Er fragt uns wie es uns geht, küsst mich und Benedetta auf die Wangen, während Corsina in seiner Umarmung verschwindet. Ich bin glücklich, ihn in einer etwas informelleren Situation als in Mailand zu treffen: obwohl die Atmosphäre nicht angespannt gewesen war, hatten wir da das Rollenverhältnis von Interviewer und Interviewtem. Hier sind wir einfach Èèèlena und Dave.

Corsina gibt ihm ein Exemplar von Peter Gabriels ‚Scratch My Back’ und wir fragen ihn warum er nicht bei dem Projekt mitgemacht hat, da Peter Gabriel ja mit ihm Kontakt aufnehmen wollte. Er antwortet etwas erstaunt, dass er darüber nichts weiß. Wir scherzen darüber und erzählen ihm, dass Peter vielleicht vergessen hat, ihn anzurufen und ich frage Dave ob sein Anrufbeantworter funktioniert. Er bestätigt dies lächelnd, während J. herzlich lacht. Ein etwas desorientierter Dave fragt dann „Also bin ich nicht auf dieser CD, ja?“ „Nein…“ „Ok.“. Wir verabschieden uns und entscheiden uns, G. nicht mehr zu treffen. Während wir den langen Durchgang passieren kommt Tim Reynolds vorbei und hält, mit einer freundlichen Geste, die Tür auf und fordert uns auf zuerst durchzugehen. Dann fragt er uns lächelnd „Wie geht es Euch heute?“ Bei den Erinnerungen an all die Menschen, die ich in der kurzen Zeit, die ich backstage in Mailand und London verbracht habe, getroffen habe, tauchen die Gefühle von Entspannung, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit auf. Während wir rausgehen denke ich, wie lustig es ist, dass wir G. letztendlich nicht sehen konnten, aber zufällig Dave und Tim getroffen haben.

Wir gehen zurück zum Parterre und Benedetta und ich machen uns schleunigst auf zur ersten Reihe. Um uns herum sind verschiedene Fangruppen aus Kanada, Deutschland und England. Als sie die Backstage-Pässe um unsere Hälse sehen, fragen sie wie wir sie bekommen hätten und sie hören aufmerksam zu, als wir von Con-Fusion erzählen und all den Bemühungen und der Organisation dank des unschätzbar wertvollen Personals. Auf einer Bühneseite taucht Corsina auf. Sie will uns Rodrigo Simas vorstellen, den Webmaster von DMBrasil. Unglücklicherweise können wir nicht lange miteinander reden, aber die kurze Begegnung ist ausreichend, um den Eindruck zu betätigen, dass er eine wunderbare Person ist.

Ein bisschen später, ein paar Zentimeter vor unseren Gesichtern entfernt, geben Dave und seine Kollegen das beste DMB-Konzert, das ich je erlebt habe. Vor dem Konzert hatte ich überlegt, am nächsten Tag nach Manchester zu fahren; am Ende dieser Nacht, im Taxi zur Victoria Station, habe ich dieses Bedürfnis nicht mehr. Es gibt gute Konzerte, solche die Dir das Gefühl geben, noch mehr zu wollen. Und dann gibt es da unwiederholbare Ereignisse, die dich für ein ganzes Jahr zufrieden machen. In meinem Kopf jedoch kann ich nicht, wie jeder andere um mich herum auch, aufhören darüber nachzudenken: Wann werden sie wiederkommen?

Übersetzt von Rena Purnhagen

Das Interview gibt es hier auf deutsch.
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