Als ob er ein Nachbar wäre

April 27, 2010 in Interviews von proudest monkey

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Von Elena Pizzetti

22. Februar 2010. Acht Monate sind seit der Veröffentlichung von “Big Whiskey And The GrooGrux King” vergangen und sieben Monate seit dem epischen Konzert in Lucca, das durch das „Europe 2009“-Boxset unsterblich wurde. Die Dave Matthews Band kehrt nach Italien zurück, um ihren kaleidoskopartigen Klangfluss auf den Bühnen in Mailand, Rom und Padova auszuschütten. Ich treffe Dave Matthews vor der Show im „PalaSharp“ in Mailand, um über die aktuelle Platte zu sprechen, den Tod des Saxofonisten LeRoi Moore, die erneuerte Verbundenheit der Band und Daves vielseitige Interessen. Seine bekannte Anti-Star-Haltung beweist sich sofort: Er begrüßt mich in seiner Garderode, wie es ein Nachbar tun würde, und er wiederholt dreimal meinem Namen, bis er ihn stolz auf dem richtigen E betonen kann. Ich überreiche ihm eine Februar-Ausgabe des „Buscadero“, und er zeigt lachend auf das Titelfoto: „An dem Tag war meine Frisur wirklich furchtbar!“ Ich frage ihn, ob er froh ist, wieder in Italien zu sein, und er antwortet enthusiastisch: „Yeah!“ – was ich ihm zweifelsfrei abnehme. Sein Tisch ist voller Blätter mit Songlisten, Skizzen und Zeichnungen. Sein Stift wird unzähligen Kritzeleien während des Interviews folgen. Dave ergänzt die Setlist um ein paar weitere Songs, und dann beginnen wir. Seine Antworten wechseln ab zwischen überlaufenden Bewusstseinsströmen und langen, gedankenvollen Pausen, bei denen er an die Decke starrt und nach Worten sucht. Als Hintergrundmusik tönt das Saxophon von Jeff Coffin aus der Nachbargarderobe.

Elena: Verglichen mit „Everyday“ und „Stand Up“ hat „Big Whiskey“ einen Sound und Groove, der eher an eure ersten drei Platten erinnert. Ihr habt daran in einem schweren Moment gearbeitet, aber auch eine fantastische Synergie gefunden. Denkst du, dass es eine Wiedergeburt der Band war?
Dave: Ja, das war gewiss eine Wiedergeburt. Wir hatten ein paar harte Jahre, aber ich denke, dass das normal ist, wenn man zusammen arbeitet. Bei „Everyday“ habe ich sozusagen mit dem Produzenten zusammen gearbeitet. Bei „Stand Up“ haben wir alle mit dem Produzenten gearbeitet, aber nicht in der gleichen Einheit wie bei den vorherigen Platten. Bei den ersten beiden waren wir ehrgeizig (a. d. Red.: „Under The Table And Dreaming“, „Crash“). Die dritte („Before These Crowded Streets“) war hart, wir mussten uns ganz schön zusammenreißen, um sie fertig zu machen. Es war unmöglich, an der nächsten zusammen zu arbeiten, also haben wir es gelassen und etwas komplett anderes versucht. Ich mag „Everyday“ und „Stand Up“, aber sie sind ganz andere Platten. Während wir an „Big Whiskey“ arbeiteten, haben wir uns alle intensiv wiederentdeckt. Die Band war fast auseinander gefallen, so dass es darum ging, dass wir entweder komplett auseinander brechen oder wieder zusammen kommen. Ich denke, dass diese Platte ein Resultat davon war, dass wir wieder zusammen gekommen sind. Aber es war nicht nur das Zurückkehren an einen Punkt. Es folgt mehr dem Weg dieser ersten drei Platten. Das sind wir alle. Ich habe wirklich hart an dieser Schreibe gearbeitet, und das habe ich auch von den anderen erwartet.

Elena: Die Wichtigkeit dieser Platte zeigt sich auch im Bookletdesign, das du allein gezeichnet und handgeschrieben hast. Du hast ebenfalls das Cover von Danny Barnes Album „Pizza Box“ gezeichnet. Hast du vor, das nochmal zu machen?
Dave: Yeah, vielleicht – wenn mir was Gutes einfällt. Viele Dinge auf dieser Platte waren Glück, viele Dinge unglücklich, aber alle passten zusammen, so dass es am Ende funktionierte. Ich hatte einige Ideen für das Cover gesehen, aber sie allesamt nicht gemocht, also habe ich gesagt: „Ich mach’s selbst“. Ich habe auch mit Rob Cavallo (a. d. Red.: der Plattenproduzent) über das Coverdesign gesprochen, und er sagte: „Ich sehe dich Dinge kritzeln – du solltest das Cover machen.“ Dann ergab sich alles. Als erstes habe ich ein Gesicht gefunden. Ich hatte nicht vor, dass es LeRoi sein sollte, aber es sieht ihm einfach ähnlich. Auch der Name… all diese Dinge fielen so zusammen, dass es geplant aussieht, aber ich denke, dass ich einfach Glück hatte.

Elena: Das Album beginnt und endet mit LeRoi, wie er Saxofon spielt. Sam Ericksons Dokumentation „The Road To Big Whiskey” enthält noch weitere, unveröffentlichte Teile von ihm. Werdet ihr noch ähnliche Tracks auf den weiteren Alben einbauen?
Dave: Ich weiß es nicht. Das wäre ein schöner roter Faden – eine Verbindung, die wir von einem Album zum nächsten schaffen könnten. Es sollte allerdings natürlich sein, nicht gezwungen. Wir haben so viel großartige Musik mit Roi gemacht, dass ich gerne von seinen Aufnahmen im Laufe der Jahre weiter inspiriert würde. Ich bin davon nicht abgeneigt, aber es ist auch kein klarer Plan.

Elena: Was hatte LeRoi, das du bei niemandem anderen finden wirst? Und was brachte Jeff Coffin in den Sound der Band ein?
Dave: Wir wussten nicht, dass Roi sterben würde, als Jeff zu uns kann. Wir wollten mit Jeff eine Weile zusammenarbeiten. Als Roi starb – an dem Abend spielten wir ein Konzert – fühlte es sich selbstverständlich an, dass Jeff mit uns weiterarbeitet, sofern er Zeit hat. Es kam einfach so. Wir konnten Rois Stimme nicht einfach ersetzen, weil es eine ganz besondere war. Er war nicht einfach, aber er war auch magisch. Jeff ist ein komplett anderer Mensch. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist das Saxofon. Abgesehen davon ist ihr Weg, die Musik anzugehen, ganz anders. Roi war sehr introvertiert, in sich gekehrt und sprach mehr durch das Instrument. Jeff ist sehr offen, extrovertiert – es ist fast so, als würden sie zwei unterschiedliche Instrumente spielen.

Elena: Vor ein paar Tagen sagte Steve Lillywhite (DMB-Produzent von 1994 bis 2000), dass er gerne wieder mit euch zusammenarbeiten würde. Könnte das passieren…?
Dave: Absolut! Ich habe noch nichts davon gehört, aber ich weiß, dass Coran (a.d. Red.: Capshaw, DMB-Manager) mit ihm in Kontakt bleibt. Es war einfach keine gute Zeit für uns, als wir aufhörten, mit ihm zusammenzuarbeiten – aber ich habe mit ihm eine der besten Zeiten meines Lebens mit ihm verbracht. Ich glaube, es würde viel Spaß machen, mit ihm wieder zusammen zu arbeiten. Wir werden sehen, wie es ausgeht. Ich arbeite auch sehr gerne mit Rob Cavallo zusammen – der macht auch gerne freudebringende Töne. Vielleicht können wir beides machen.

Elena: Ihr habt viele unveröffentlichte Songs. Auf der Deluxe-Edition von Santanas Album „Supernatural“ ist „Rain Down On Me“, das von dir und Carter Beauford geschrieben wurde. Auf der Bühne spielt ihr Songs wie „Sister“ und „Shotgun“. Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, ein „Outtakes“-Boxset rauszubringen?
Dave: Ich habe eine seltsame Art, Musik zu betrachten. Ich möchte vorwärts gehen, und manchmal sind die Leute enttäuscht, wenn ich sage „Ich möchte das nicht mehr spielen“. Manches von dem alten Zeug liebe ich. Manches bleibt, und manches davon verschwindet für Jahre und kommt dann irgendwann wieder zurück. Andere Songs mag ich einfach nicht mehr. Es ist eine Beziehung. Mein Manager sagt mir ziemlich häufig: „Du solltest eine Platte mit dem ganzen Material machen.“ Ein paar Jungs in der Band würden das wirklich gerne tun, ich denke, Stefan würde das lieben. Dann muss ich Zeit dafür finden, denke dann aber, dass ich einfach lieber eine neue Platte machen würde. Aber die Idee, diese Aufnahmen zu nehmen und ein „Outtakes“-Set aufzulegen ist irgendwie nett. Vielleicht machen wir das irgendwann.

Elena: Du hast schon in einigen Filmen und Fernsehserien mitgespielt. „The Other Side“, „In The Woods“ und „The Pretend Wife“ mit Adam Sandler werden gerade gedreht. Was gibt dir die Schauspielerei, was die Musik nicht kann?
Dave: Es ist einfach sehr verschieden. Im Fall von Adam Sandler gefällt es mir, weil er ein Freund von mir ist – wir haben viel Spaß zusammen. Aber irgendwann möchte ich gerne etwas richtig gut machen. Die Schauspielerei ist eine andere Erfahrung, eine andere Art, dich auszudrücken; es ist ein anderes Ventil. Es ist schön, wenn wir uns verschiedenen Seiten unserer Persönlichkeiten hingeben können, egal, wie wir es machen. Ich mache das eben gern vor Publikum, so oder so.

Elena: In einem Interview in den frühen Neuzigern hast du die Musik von DMB als „Con-Fusion” bezeichnet, was der italienische Fan-Club als Name übernommen hat. Wenn du deine Musik heute mit einem einzigen Begriff beschreiben würdest: Welches würde das sein?
Dave: (A.d.Red.: Bevor Dave antwortet, schreibt er auf ein Blatt Papier die Worte „JOY“ (Freude) und „HONEST“ (aufrichtig) und betrachtet sie eine Weile): Vielleicht „Joy“. Irgendetwas zwischen „joy“ und „honest“. Das ist es, was ich versuche, was ich sein möchte: Ich möchte ehrlich sein. Aber ich denke, es ist die Freude, die ansteckend ist. Wir haben eine Menge Spaß, wenn wir Musik machen. Es ist, als ob man auf einer brüchigen Schiene läuft und trotzdem irgendwie vorankommt.

Elena: Das Konzert letztes Jahr in Lucca, war das längste Konzert, das die Band bislang gegeben hat…
Dave: Wirklich?! Oh…! Das hat damals viel Spaß gemacht!

Elena: Es wurde außerdem für das „Europe 2009“-Boxset ausgewählt. Woran kannst du dich von der Nacht noch erinnern?
Dave: Es ist schwer, sich daran zu erinnnern. Wir wurden einfach getragen, konnten das selbst gar nicht so kontrollieren. Wenn es so etwas Besonderes ist, fühlt es sich einfach so an, als ob du gar nichts mehr tun musst. Es war mühelos, und alles schwebte. Ich erinnere mich an den Platz, die Statue; ich erinnere mich, dass Leute auf und um die Statue herum saßen. Ich erinnere mich an die Energie. Alles war überaus positiv – es war ein toller Abend.

Elena: Elena: Das Jahrzehnt ist vorbei. Welche Künstler haben deiner Meinung nach die letzte Dekade am meisten geprägt?
Dave: Das ist schwer zu sagen. Es müsste Radiohead sein. Und vielleicht Jay Z. Ich bin im Dunkeln und achte kaum auf etwas. Wenn es nach mir ginge, wäre es Danny Barnes. In einer gerechten Welt wäre es Danny Barnes! Aber es gibt viele Gute, so viele gute Bands und so viel großartige Musik.

übersetzt von Frank Helleken
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