Dave Matthews – Ein Star auf Augenhöhe

März 9, 2010 in DMB in Europa, Interviews von markus-h

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„Wir kommen wieder“ – Interview mit Dave Matthews.

HAMBURG. Erstmals seit 1998 ist die Dave Matthews Band auf Deutschland-Tournee. Die beiden Zeitungsredakteure und DMB-Fans Markus Hanneken (Westfälischer Anzeiger) und Frank Helleken (Mainzer Allgemeine Zeitung), interviewten Dave Matthews zum Tourstart in Hamburg. Die wichtigste Botschaft: Die Band hat Vertrauen gefasst in Deutschland und will wiederkommen!

Listen to the english audio live stream on weeklydavespeak.com.

Read the english version on weeklydavespeak.com.

Hier die portugiesische Version auf www.davematthewsbandportugal.blogspot.com.

Dabei stand der Termin noch bis drei Stunden vor Konzertbeginn auf der Kippe, bevor der erlösende Anruf kam: „Es klappt: Seid um 17 Uhr am CCH!“ Yes!

Verschlungene Wege führten schließlich in die Garderobe mit der Aufschrift „Dave Matthews“. Ein winziger Raum mit einer Fensterfront, zwei Stühlen, einem Sessel, zwei Gitarren und einem kleinen Tisch mit allerlei Pflegemitteln für geplagte Stimmbänder, einer Isolierkanne und ein paar Plektra. Am Eingang standen zwei rollbare Tourneeschränke; der eine gefüllt mit einer Auswahl dunkler Hemden, der andere mit allerlei Kleinkram für den täglichen Bedarf bestückt – und ein paar Packungen Drumsticks. Überdies lag auf dem Tisch offen eine Übersicht mit allen Songs der Band – Daves Grundlage für die aktuelle Setlist, wie er später erklärte.

Wenig später erschien die Hauptperson dieser Tage, wie üblich unscheinbar gekleidet – und doch unmittelbar präsent, mit kräftigem Händedruck und sehr natürlich: „Hi, I‘m Dave…“ Fotografieren? „Klar, macht nur, aber hübscher werde ich dadurch auch nicht…“ Diktiergerätaufnahme? „Sicher… aber ich erzähle viel Zeug durcheinander… das müsst Ihr dann später selbst ordnen…“ – Ein abgehobener Star sieht anders aus!

Geduldig wartete er jede fragende Formulierung ab – und holte bei jeder Antwort weeeiiiit aus. Meistens gestikulierend und oft grinsend, selten nachdenklich und ernst, aber stets kumpelhaft und auf Augenhöhe, gönnte er dem Gespräch satte 45 Minuten statt der erhofften 30. Einen Blick auf die Setlist des Abends bekamen wir aber trotz Nachfrage nicht zu sehen – „Ich will euch nicht die Überraschung nehmen…“ Im Westfälischen Anzeiger und der Mainzer Allgemeinen wird in den kommenden Tagen eine Kurz-Fassung des Interviews zu lesen sein, für euch gibt’s hier eine längere Fassung auf deutsch.



Markus Hanneken / Frank Helleken

ProudestMonkeys.de–Interview mit Dave Matthews

PROUDESTMONKEYS: Ihr wart mit „Big Whiskey And The Groogrux King“ nominiert für zwei wichtige Grammys (Album des Jahres, bestes Rock Album), seid aber am Ende leer ausgegangen. Wart ihr enttäuscht?

DAVE MATTHEWS: Die Nominierungen waren eine schöne Überraschung. Denn ich halte dieses Album für das bislang beste. Aber ich gebe auf die Grammys nicht allzu viel. Klasse war aber, dass wir dort unseren Song „You And Me“ spielen und die Leute begeistern konnten. Ich hatte die Idee mit den ganzen Musikern, die uns dabei unterstützten. Keine Stars wie Taylor Swift, wie es die Veranstalter wollten, sondern ganz normale Musiker, die wir teilweise kannten. Und ich sagte ihnen: Schmeißt euch bloß nicht in Schale, sondern kommt, wie ihr seid!

PROUDESTMONKEYS: „Big Whiskey“ war erneut ein Riesenerfolg in den USA; hierzulande stieß es gerade einmal kurz in die Albumcharts vor. Irgendetwas ist für euch in Deutschland all die Jahre wohl falsch gelaufen…

DAVE MATTHEWS: Dass wir in den USA sehr populär sind, hat nichts mit der Plattenfirma zu tun. Am Anfang konnten wir weder eine Plattenfirma noch andere professionelle Unterstützung finden. Ich gebe nichts auf Moden und Hitsingles, die im Radio gespielt werden. Um die Herzen der Leute zu erreichen, müssen wir für sie spielen. So erkennen sie, dass da etwas ist, das anders ist, das sie nicht erwartet haben: eine „bizarre“ Band. Man findet bei uns Jazz, Fusion, Folk, Rock, Klassisches… Wir passen in keine Schublade. Deshalb sind wir besonders in Deutschland, wo uns kaum jemand kennt, für unsere Plattenfirma Warner eine große Herausforderung. Also müssen wir auch hier jetzt auftreten und spielen!

PROUDESTMONKEYS: Deshalb seid Ihr jetzt erstmals seit 1998 in Deutschland auf Tournee?

DAVE MATTHEWS: Im vergangenen Jahr, als wir in anderen europäischen Ländern gespielt haben, merkten wir, dass es hier eine kleine, sogar leicht wachsende Gefolgschaft gibt. Und dann sprachen wir mit Warner. Und nun habe ich das Gefühl, dass sie die Schale für uns zu knacken beginnen. Wir dürfen es uns nicht zu leicht machen, Erfolg zu haben. Aber es macht ja auch Spaß: Ich will nicht aufhören, vor Leuten zu spielen, die uns nicht kennen. Es ist eine wirklich tolle und ansteckende Erfahrung, zweifelnde Leute überzeugen zu müssen.

PROUDESTMONKEYS: Welche Unterschiede nimmst du wahr zwischen den wenigen tausend europäischen und den vielen amerikanischen Konzertbesuchern?

DAVE MATTHEWS: In den Staaten ist es richtig laut, alle singen mit; das ist eine richtige Gemeinschaft. Hier liegt es wohl an der fehlenden Vertrautheit mit unseren Sachen, dass die Leute lieber zuhören. Als wir 2009 in Europa Festivals gespielt haben, konnten wir erleben, wie wir die Leute neugierig gemacht haben, die eigentlich für andere Bands da waren. Und darum geht es doch! Ich mache Quatsch auf der Bühne, damit die Leute sehen, warum ich Musik mache. Selbst wenn ich vom Tod singe oder von Traurigkeit, so geht es mir doch darum zu zeigen, dass es vor allem um Spaß geht. Singen ist ein Akt der Freude, ein Akt der Abwehr gegen all das Schlechte. Und das kann ziemlich ansteckend sein. Und im besten Fall legen die Leute dann auch unsere Platten auf!

PROUDESTMONKEYS: Eines eurer Markenzeichen sind neben langen Improvisationsteilen die für jede Show wechselnden Setlists. Wann und wie stellt ihr sie zusammen?

DAVE MATTHEWS: Ich habe eine Liste mit all unseren Songs. Und dann nehme ich die Listen der jüngsten Konzerte und jener im Jahr zuvor, um das anstehende Konzert nicht allzu ähnlich zu gestalten. Die aktuelle Setlist stelle ich ein paar Stunden vorher zusammen und lasse sie dann mindestens von Carter Beauford prüfen, weil er sie ja auch kräftemäßig umsetzen muss.

PROUDESTMONKEYS: Gibt es Europa-Pläne über die laufende Tournee hinaus?

DAVE MATTHEWS: Konkrete Pläne gibt es noch nicht, aber wir wollen Europa künftig auf jeden Fall zu einem Teil unseres festen Tournee-Programms machen. Wir wissen jetzt, dass es hier ein Publikum gibt für unsere Musik, und selbst in Deutschland werden die Hallen voll. Also ist es jetzt unser Job, wiederzukommen und die geweckten Erwartungen zu bedienen – und auszubauen.

PROUDESTMONKEYS: Euer bei den Fans sehr beliebte Saxofonist LeRoi Moore ist nach seinem tragischen Tod vor zwei Jahren durch den (unter anderem durch die Band Béla Fleck and the Flecktones) etablierten und weithin bekannten Jeff Coffin ersetzt worden. Wo siehst du die musikalischen Unterschiede zwischen den beiden?

DAVE MATTHEWS: Es gibt – technisch gesehen – weltweit keinen besseren Sax-Player als Jeff; er ist phänomenal. Er kam nicht, um LeRoi zu ersetzen oder zu imitieren, sondern um seinen Platz auszufüllen. Er musste sich zwar in die fertigen Arrangements mit der Trompete fügen. Doch wenn ein Sax-Solo ansteht, darf und soll er dieses natürlich mit seinem eigenen, anderen musikalischen Farbton spielen. Beide haben einen sehr unterschiedlichen Stil – aber letztlich spielen sie beide mit demselben großen Herzen.

PROUDESTMONKEYS: Deine Band ist politisch und sozial sehr engagiert. Ihr habt euch neben anderen US-Stars zum Beispiel sehr für die Wahl von Barack Obama eingesetzt. Nun ist er seit gut einem Jahr im Amt – kannst du zufrieden sein mit dem bisher Erreichten?

DAVE MATTHEWS: Obama war gezwungen, viele Kompromisse einzugehen. Er musste seine eigene, schwierige Partei hinter sich bringen, aber gleichzeitig den weit verbreiteten Egoismus in der US-Politik bekämpfen. Ich hatte nicht erwartet, dass er Berge versetzen würde. Aber ich erwarte einen radikalen Schnitt im Rahmen dessen, was möglich ist. Ich bin in vielerlei Hinsicht enttäuscht, auch dass wir nicht schneller aus den Kriegssituationen in Afghanistan und dem Irak herauskommen. Aber unterm Strich bin ich nach wie vor überglücklich, dass Obama unser Präsident ist und nicht John McCain. Er hat die Landkarte der US-amerikanischen Politik bereits massiv verändern können, allein weil er gewählt wurde.
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