Du durchsuchst das Archiv für Interviews.

Als ob er ein Nachbar wäre

April 27, 2010 in Interviews von proudest monkey

VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (1 vote cast)
Von Elena Pizzetti

22. Februar 2010. Acht Monate sind seit der Veröffentlichung von “Big Whiskey And The GrooGrux King” vergangen und sieben Monate seit dem epischen Konzert in Lucca, das durch das „Europe 2009“-Boxset unsterblich wurde. Die Dave Matthews Band kehrt nach Italien zurück, um ihren kaleidoskopartigen Klangfluss auf den Bühnen in Mailand, Rom und Padova auszuschütten. Ich treffe Dave Matthews vor der Show im „PalaSharp“ in Mailand, um über die aktuelle Platte zu sprechen, den Tod des Saxofonisten LeRoi Moore, die erneuerte Verbundenheit der Band und Daves vielseitige Interessen. Seine bekannte Anti-Star-Haltung beweist sich sofort: Er begrüßt mich in seiner Garderode, wie es ein Nachbar tun würde, und er wiederholt dreimal meinem Namen, bis er ihn stolz auf dem richtigen E betonen kann. Ich überreiche ihm eine Februar-Ausgabe des „Buscadero“, und er zeigt lachend auf das Titelfoto: „An dem Tag war meine Frisur wirklich furchtbar!“ Ich frage ihn, ob er froh ist, wieder in Italien zu sein, und er antwortet enthusiastisch: „Yeah!“ – was ich ihm zweifelsfrei abnehme. Sein Tisch ist voller Blätter mit Songlisten, Skizzen und Zeichnungen. Sein Stift wird unzähligen Kritzeleien während des Interviews folgen. Dave ergänzt die Setlist um ein paar weitere Songs, und dann beginnen wir. Seine Antworten wechseln ab zwischen überlaufenden Bewusstseinsströmen und langen, gedankenvollen Pausen, bei denen er an die Decke starrt und nach Worten sucht. Als Hintergrundmusik tönt das Saxophon von Jeff Coffin aus der Nachbargarderobe.

Elena: Verglichen mit „Everyday“ und „Stand Up“ hat „Big Whiskey“ einen Sound und Groove, der eher an eure ersten drei Platten erinnert. Ihr habt daran in einem schweren Moment gearbeitet, aber auch eine fantastische Synergie gefunden. Denkst du, dass es eine Wiedergeburt der Band war?
Dave: Ja, das war gewiss eine Wiedergeburt. Wir hatten ein paar harte Jahre, aber ich denke, dass das normal ist, wenn man zusammen arbeitet. Bei „Everyday“ habe ich sozusagen mit dem Produzenten zusammen gearbeitet. Bei „Stand Up“ haben wir alle mit dem Produzenten gearbeitet, aber nicht in der gleichen Einheit wie bei den vorherigen Platten. Bei den ersten beiden waren wir ehrgeizig (a. d. Red.: „Under The Table And Dreaming“, „Crash“). Die dritte („Before These Crowded Streets“) war hart, wir mussten uns ganz schön zusammenreißen, um sie fertig zu machen. Es war unmöglich, an der nächsten zusammen zu arbeiten, also haben wir es gelassen und etwas komplett anderes versucht. Ich mag „Everyday“ und „Stand Up“, aber sie sind ganz andere Platten. Während wir an „Big Whiskey“ arbeiteten, haben wir uns alle intensiv wiederentdeckt. Die Band war fast auseinander gefallen, so dass es darum ging, dass wir entweder komplett auseinander brechen oder wieder zusammen kommen. Ich denke, dass diese Platte ein Resultat davon war, dass wir wieder zusammen gekommen sind. Aber es war nicht nur das Zurückkehren an einen Punkt. Es folgt mehr dem Weg dieser ersten drei Platten. Das sind wir alle. Ich habe wirklich hart an dieser Schreibe gearbeitet, und das habe ich auch von den anderen erwartet.

Elena: Die Wichtigkeit dieser Platte zeigt sich auch im Bookletdesign, das du allein gezeichnet und handgeschrieben hast. Du hast ebenfalls das Cover von Danny Barnes Album „Pizza Box“ gezeichnet. Hast du vor, das nochmal zu machen?
Dave: Yeah, vielleicht – wenn mir was Gutes einfällt. Viele Dinge auf dieser Platte waren Glück, viele Dinge unglücklich, aber alle passten zusammen, so dass es am Ende funktionierte. Ich hatte einige Ideen für das Cover gesehen, aber sie allesamt nicht gemocht, also habe ich gesagt: „Ich mach’s selbst“. Ich habe auch mit Rob Cavallo (a. d. Red.: der Plattenproduzent) über das Coverdesign gesprochen, und er sagte: „Ich sehe dich Dinge kritzeln – du solltest das Cover machen.“ Dann ergab sich alles. Als erstes habe ich ein Gesicht gefunden. Ich hatte nicht vor, dass es LeRoi sein sollte, aber es sieht ihm einfach ähnlich. Auch der Name… all diese Dinge fielen so zusammen, dass es geplant aussieht, aber ich denke, dass ich einfach Glück hatte.

Elena: Das Album beginnt und endet mit LeRoi, wie er Saxofon spielt. Sam Ericksons Dokumentation „The Road To Big Whiskey” enthält noch weitere, unveröffentlichte Teile von ihm. Werdet ihr noch ähnliche Tracks auf den weiteren Alben einbauen?
Dave: Ich weiß es nicht. Das wäre ein schöner roter Faden – eine Verbindung, die wir von einem Album zum nächsten schaffen könnten. Es sollte allerdings natürlich sein, nicht gezwungen. Wir haben so viel großartige Musik mit Roi gemacht, dass ich gerne von seinen Aufnahmen im Laufe der Jahre weiter inspiriert würde. Ich bin davon nicht abgeneigt, aber es ist auch kein klarer Plan.

Elena: Was hatte LeRoi, das du bei niemandem anderen finden wirst? Und was brachte Jeff Coffin in den Sound der Band ein?
Dave: Wir wussten nicht, dass Roi sterben würde, als Jeff zu uns kann. Wir wollten mit Jeff eine Weile zusammenarbeiten. Als Roi starb – an dem Abend spielten wir ein Konzert – fühlte es sich selbstverständlich an, dass Jeff mit uns weiterarbeitet, sofern er Zeit hat. Es kam einfach so. Wir konnten Rois Stimme nicht einfach ersetzen, weil es eine ganz besondere war. Er war nicht einfach, aber er war auch magisch. Jeff ist ein komplett anderer Mensch. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist das Saxofon. Abgesehen davon ist ihr Weg, die Musik anzugehen, ganz anders. Roi war sehr introvertiert, in sich gekehrt und sprach mehr durch das Instrument. Jeff ist sehr offen, extrovertiert – es ist fast so, als würden sie zwei unterschiedliche Instrumente spielen.

Elena: Vor ein paar Tagen sagte Steve Lillywhite (DMB-Produzent von 1994 bis 2000), dass er gerne wieder mit euch zusammenarbeiten würde. Könnte das passieren…?
Dave: Absolut! Ich habe noch nichts davon gehört, aber ich weiß, dass Coran (a.d. Red.: Capshaw, DMB-Manager) mit ihm in Kontakt bleibt. Es war einfach keine gute Zeit für uns, als wir aufhörten, mit ihm zusammenzuarbeiten – aber ich habe mit ihm eine der besten Zeiten meines Lebens mit ihm verbracht. Ich glaube, es würde viel Spaß machen, mit ihm wieder zusammen zu arbeiten. Wir werden sehen, wie es ausgeht. Ich arbeite auch sehr gerne mit Rob Cavallo zusammen – der macht auch gerne freudebringende Töne. Vielleicht können wir beides machen.

Elena: Ihr habt viele unveröffentlichte Songs. Auf der Deluxe-Edition von Santanas Album „Supernatural“ ist „Rain Down On Me“, das von dir und Carter Beauford geschrieben wurde. Auf der Bühne spielt ihr Songs wie „Sister“ und „Shotgun“. Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, ein „Outtakes“-Boxset rauszubringen?
Dave: Ich habe eine seltsame Art, Musik zu betrachten. Ich möchte vorwärts gehen, und manchmal sind die Leute enttäuscht, wenn ich sage „Ich möchte das nicht mehr spielen“. Manches von dem alten Zeug liebe ich. Manches bleibt, und manches davon verschwindet für Jahre und kommt dann irgendwann wieder zurück. Andere Songs mag ich einfach nicht mehr. Es ist eine Beziehung. Mein Manager sagt mir ziemlich häufig: „Du solltest eine Platte mit dem ganzen Material machen.“ Ein paar Jungs in der Band würden das wirklich gerne tun, ich denke, Stefan würde das lieben. Dann muss ich Zeit dafür finden, denke dann aber, dass ich einfach lieber eine neue Platte machen würde. Aber die Idee, diese Aufnahmen zu nehmen und ein „Outtakes“-Set aufzulegen ist irgendwie nett. Vielleicht machen wir das irgendwann.

Elena: Du hast schon in einigen Filmen und Fernsehserien mitgespielt. „The Other Side“, „In The Woods“ und „The Pretend Wife“ mit Adam Sandler werden gerade gedreht. Was gibt dir die Schauspielerei, was die Musik nicht kann?
Dave: Es ist einfach sehr verschieden. Im Fall von Adam Sandler gefällt es mir, weil er ein Freund von mir ist – wir haben viel Spaß zusammen. Aber irgendwann möchte ich gerne etwas richtig gut machen. Die Schauspielerei ist eine andere Erfahrung, eine andere Art, dich auszudrücken; es ist ein anderes Ventil. Es ist schön, wenn wir uns verschiedenen Seiten unserer Persönlichkeiten hingeben können, egal, wie wir es machen. Ich mache das eben gern vor Publikum, so oder so.

Elena: In einem Interview in den frühen Neuzigern hast du die Musik von DMB als „Con-Fusion” bezeichnet, was der italienische Fan-Club als Name übernommen hat. Wenn du deine Musik heute mit einem einzigen Begriff beschreiben würdest: Welches würde das sein?
Dave: (A.d.Red.: Bevor Dave antwortet, schreibt er auf ein Blatt Papier die Worte „JOY“ (Freude) und „HONEST“ (aufrichtig) und betrachtet sie eine Weile): Vielleicht „Joy“. Irgendetwas zwischen „joy“ und „honest“. Das ist es, was ich versuche, was ich sein möchte: Ich möchte ehrlich sein. Aber ich denke, es ist die Freude, die ansteckend ist. Wir haben eine Menge Spaß, wenn wir Musik machen. Es ist, als ob man auf einer brüchigen Schiene läuft und trotzdem irgendwie vorankommt.

Elena: Das Konzert letztes Jahr in Lucca, war das längste Konzert, das die Band bislang gegeben hat…
Dave: Wirklich?! Oh…! Das hat damals viel Spaß gemacht!

Elena: Es wurde außerdem für das „Europe 2009“-Boxset ausgewählt. Woran kannst du dich von der Nacht noch erinnern?
Dave: Es ist schwer, sich daran zu erinnnern. Wir wurden einfach getragen, konnten das selbst gar nicht so kontrollieren. Wenn es so etwas Besonderes ist, fühlt es sich einfach so an, als ob du gar nichts mehr tun musst. Es war mühelos, und alles schwebte. Ich erinnere mich an den Platz, die Statue; ich erinnere mich, dass Leute auf und um die Statue herum saßen. Ich erinnere mich an die Energie. Alles war überaus positiv – es war ein toller Abend.

Elena: Elena: Das Jahrzehnt ist vorbei. Welche Künstler haben deiner Meinung nach die letzte Dekade am meisten geprägt?
Dave: Das ist schwer zu sagen. Es müsste Radiohead sein. Und vielleicht Jay Z. Ich bin im Dunkeln und achte kaum auf etwas. Wenn es nach mir ginge, wäre es Danny Barnes. In einer gerechten Welt wäre es Danny Barnes! Aber es gibt viele Gute, so viele gute Bands und so viel großartige Musik.

übersetzt von Frank Helleken
VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (1 vote cast)

15 Minuten mit Dave Matthews

April 27, 2010 in Interviews von proudest monkey

VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (1 vote cast)
Von Elena Pizetti

Mailand, 22. Februar 2010. Ich sitze in einem Taxi zum „Palasharp“, wo die Dave Matthews Band ihren ersten der drei italienischen Auftritt spielen wird. In meiner Tasche befinden sich neben meinem Ticket auch ein Aufnahmegerät und ein paar Blätter Papier: Ich werde Dave Matthews vor dem Konzert für das italienische Musikmagazin Buscadero interviewen.

Ich erreiche das Palasharp frühzeitig und suche mit Corsina (a.d. Red.: Kopf der italienischen DMB-Community Con-Fusion) nach dem Tour-Director. Es nieselt und ich friere in meiner leichten Frühlingsjacke, die ich mir in Mailand in der Hoffnung auf gutes Wetter gekauft hatte. Ein grinsender Typ mit langem, braunem, gelocktem Haar kommt aus dem Catering-Container und fragt uns, ob wir irgendwas brauchen. Corsina antwortet ihm, dass sie G. treffen soll und er erklärt sich bereit, nach ihm zu suchen. Er verschwindet in der grauen Halle der Sporthalle und kommt nach ein paar Minuten zurück und teilt uns mit, dass er ihn auf dem Transceiver erreicht hat und er kommen wird. An diesem Abend werden wir unseren freundlichen Helfer auf der Bühne wiederfinden. Er ist kein Mitglied der Crew, sondern Terry Wolfer, Bassist der Vorgruppe Alberta Cross.

Nach einem weiteren kurzen und kalten Warten erscheint G. endlich aus einer kleinen Tür. Corsina betritt die Arena mit ihm und ich trenne mich von ihnen, weil ich mich in zehn Minuten ein Treffen mit einem Repräsentanten des italienischen Warner-Music-Managements haben werde. Ich erreiche den Presseschalter zusammen mit anderen Journalisten und werde in das Pavillion geleitet. Von den noch leeren Tribünen sehe ich, wie die Welle der Con-Fusion-Fans ungestüm in die Halle bis an die vorderen Absperrgitter schwappt. Einer der Journalisten fragt: „Wer sind die Leute – Ausländer?“ Vielleicht erwartet er nicht einen solchen Enthusiasmus von italienischen Fans.

Uns wird erzählt, dass das Interview in Daves Umkleideraum stattfinden wird. Sobald die Fernsehanstalten fertig sind, bin ich an der Reihe. Ich werde 15 Minuten haben, um mit Dave von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Jemand von dem Staff bringt mich in den Backstage-Bereich und dort warte ich zehn Minuten in einem kleinen Gang, wo ich die die Töne von Jeff Coffins Saxophon aus einer der vielen verschlossen Türen höre. Carter kommt mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht und einem riesigen Kopfhörer. Nach einer Weile kommt Jeff raus, ein Saxophon baumelt an seinem Hals herunter. Er lugt in die Halle, spricht kurz mit einem Crew-Mitglied und geht anschließend zurück in sein Ankleidezimmer. Als er an mir vorbei kommt, treffen sich unsere Augen und er grüßt mich mit einem „Hi“ sowie einem ansteckendem Lächeln. Überall herrscht eine gute Atmosphäre. Eine Tür zu meiner Linken öffnet sich und mein Begleiter winkt mich herein. Die Journalisten von „La7 TV“ verlassen mit ihrer umfangreichen Ausrüstung den Raum und ich trete ein.

Dave steht in der Mitte der Garderobe und das erste, was mir ins Auge fällt, ist seine Größe. Es ist nicht einfach seine körperliche Höhe und seine Stattlichkeit, da ist mehr: eine ungreifbare Ausstrahlung, die ihn noch größer erscheinen lässt. Als wenn sich seine Präsenz über die physische Grenzen hinaus über den ganzen Raum erstrecken würde. Er kommt lächelnd auf mich zu, während seine Augen mich nicht nur einfach anstarren, sondern eingehend mustern – aber nicht in einer peinlichen, beschämenden Art und Weise. Ein Mitarbeiter fragt nach dem Namen des Magazins, für das ich arbeite und als ich „Buscadero“ antworte, erklärt er Dave, dass dieser auf dem Cover der Ausgabe des letzten Monats war. Ich gebe ihm ein „Buscadero“-Februarheft mit einer Übersetzung von Benedetta Copeta und Carla Melis. Dave zeigt auf das Foto und kommentiert die schreckliche Frisur, die er an dem Tag hatte und wir brechen in Lachen aus. Er fragt nach meinem Namen und als ich „Elena“ antworte, wiederholt er das zweite ‚e’ betonend “Eléééna?“. Ich korrigiere ihn gespielt genervt, „Nein, Èlena!“, den Akzent auf der ersten Silbe. Er versucht es erneut „Eléééna!“. Nun ist es etwas Prinzipielles: „Nein, Èèèlena!“. Schlussendlich spricht er es richtig aus und ich gratuliere ihm mit einem schallenden „Yeah!!“ Er fängt an „Èèèlena! Èèèlena!“ immer stärker werdend zu wiederholen zusammen mit ausdrucksstarken pantomimischen Gesten. Das ist definitiv ein lustiger, nicht zu übertreffender Einstieg in mein Interview.

Er sitzt auf dem Sofa; ihm gegenüber, hinter einem Tisch voller Zettel, stehen zwei Stühle. Während ich mich auf einen dieser Stühle zubewege frage ich, wo ich sitzen soll. Er jedoch zeigt auf das Sofa und sagt „hier, hier!“. Ich setze mich neben ihn und frage, während ich das Interview und meinen Rekorder auf den Tisch lege, wie er sich fühlt und ob er glücklich ist, wieder in Italien zu sein. Er ist es und zwar sehr. Bevor wir beginnen erkläre ich ihm, dass ich nicht nur der Interviewer von ‚Buscadero’ bin, sondern auch eine Mitglied von Con-Fusion. Lächelnd nickt er: „Oh, wie nett!“. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Zettel: sie sind voller Zeichnungen und Kritzeleien. Auf einem von ihnen entwirft er gerade die Setlist für das Konzert. Ich frage ihn, ob er noch Zeit braucht oder wir anfangen können und er löst sofort seinen Blick von dem Zettel und ruft „Nein, nein!! Du kannst anfangen!!“ als hätte ich gar nicht fragen sollen.

Während Dave sich meine Fragen anhört, starrt er mich intensiv mit einem Ausdruck auf dem Gesicht wie, „Was in Gottes Namen fragst Du da?“ an. Aber im Gegenteil, das ist sein typischer hochkonzentrierter Blick. Als ich ihn nach seiner Schauspielerei frage, hebt er plötzlich eine Augenbraue, so dass ich für einen Moment innehalte und ihn fragend anschaue, ob ich etwas Falsches gesagt habe. Er bemerkt, dass er etwas ungewiss wirkt und senkt seine Augenbraue, entspannt sich und fordert mich auf fortzufahren.

Am Ende jeder Frage wird aus seinem anziehenden Schweigen ein Schwall von Wörtern begleitet von einer Vielzahl an Gesten. Er antwortet mit solchem Enthusiasmus und voller Energie, dass all seine Ernsthaftigkeit und Freundlichkeit deutlich wird. Ab und zu, hält er inne um nachzudenken und die richtigen Worte zu finden: Momente der Spannung in denen sein starrer Blick sich löst und ich fast den Atem anhalte, um seine Konzentration nicht mit dem geringsten Geräusch zu stören. In einigen Fällen macht er sich auf einem Zettel Stichworte bevor er antwortet, solange bis die Hauptaussage seiner Antwort aus seinem Stift kommt.

Ich habe einen Stift in meiner Tasche, aber ich mache keine Notizen: der Rekorder arbeitet einwandfrei und ich will die Atmosphäre, die sich von einem Interview zu einem langen Gespräch entwickelt, nicht zerstören. Es wäre nicht angebracht, auf ein Blatt Papier zu starren während er mit mir spricht. Und dazu kommt, ein Interview von Angesicht zu Angesicht zu bekommen, da ist es das Mindeste, ihm ins Gesicht zu schauen! Auf diesem Sofa zu sitzen scheint das Normalste von der Welt zu sein – es ist als ob wir uns schon öfter getroffen hätten.

Im Artikel werde ich nur seine Antworte niederschreiben, aber während der Antworten und Fragen findet ein reger Austausch zwischen uns statt. Als wir über die ‚Big Whiskey’-Illustrationen reden, kann ich nicht anders als ihn zu diesem Meisterwerk zu beglückwünschen. Als er von LeRoi erzählt, erinnere ich ihn an das wundervolle Zitat aus Sam Ericksons Dokumentation, dass er mit seinem Spiel den Eindruck vermittelt hat, irgendwo anders zu sein. Und auf dieses Stichwort hin beginnt Dave seinen wunderbaren Vergleich zwischen Roi und Jeff. Sofort als ich ‚Lucca’ sage, zeigt er seine Begeisterung. Er lässt mich die Frage sogar nicht beenden und beginnt sich an diese „großartige Nacht“ zu erinnern. Ich erkläre ihm, dass es das längste Konzert in der Bandgeschichte war und er wendet sich mir aufmerksam und beeindruckt zu, da er das nicht wusste. In den darauf folgenden Interviews, mit ‚Rockol’ und ‚Radio Due’ zum Beispiel, wird er es den Interviewern auf die zu erwartende Frage nach diesem epischen Konzert selbst erzählen.

Die Zeit vergeht wie im Flug und als man mir sagt, dass nur noch zwei Minuten übrig sind, habe ich noch viele Fragen, die ich Dave stellen möchte. Ich wähle drei davon aus, eine die vom Herausgeber des Magazins verlangt worden war und zwei mit verschieden Themen, um die Vielfalt zu gewährleisten, die ich bei der Vorbereitung des Interviews versucht hatte zu erreichen, obgleich nun mit einer geringeren Anzahl an Fragen, als ich vorbereitet hatte. Daves Liebenswürdigkeit ist grenzenlos: auf das Blatt mit den übrig gebliebenen Fragen blickend, entschuldigt er sich für die langen Antworten, die er gegeben hat. Am Ende des Interviews steht er auf um mir zu danken und sagt mir, was für eine Freude es für ihn war, mich zu treffen. Das absolute Gegenteil von dem was ich erwartet hatte, das passieren würde.

Ich frage, ob ich ein paar Fotos für das Magazin machen kann. Ungeachtet dessen, dass meine Zeit abgelaufen ist und Mitarbeiter des Teams den Raum betreten, um das nächste Interview vorzubereiten, sind alle sehr hilfsbereit und gewähren mir eine weitere Minute. Ich mache einige Fotos von Dave und eines von ihm und mir zusammen und verlasse schnell den Raum.

Im Inneren der Arena sitzend denke ich an das Interview zurück, denke an die zehn Mitglieder von Con-Fusion, die an einem Meet & Greet mit Dave teilnehmen, an die vielen anderen, die ihn treffen, ihn begrüßen werden, ihm ihre Kunstwerke geben werden, ihn ganz nahe spielen sehen werden. Die folgenden Tage sind geprägt von Erinnerungen an das Konzert in Mailand, aber auch angefüllt mit Berichte von Freunden, die die Konzerte in Rom und Padua besucht hatten, jeder besser als der vorherige. Was kann ich tun? Am 6. März einfach nach London fliegen.

Ich schaffe es, meine Reise nach London in ein paar Tagen zu organisieren und am Samstagmorgen befinde ich mich am Flughafen Luton, wo mich Corsina in ein lilafarbenes Taxi nach London entführt. Der Fahrer, ein Inder mit einer unverständlichen Aussprache, beharrt darauf, uns zu erzählen, wo Harrods zu finden wäre.

Nachdem wir unsere anderen italienischen Freunde getroffen haben, machen wir uns auf den Weg zur O2-Arena, wo wir unsere Backstagepässe bekommen. Zusätzlich zu denen von Corsina und Benedetta gibt es einen weiteren für mich; wenn ich Glück habe, treffe ich Dave noch einmal. Wir erreichen den Bereich hinter der Bühne, wo Corsina J. begrüßt und ihm erklärt, dass sie mich gerne dem Tour-Director vorstellen würde. Wir warten auf G. und ich sehe aus dem Augenwinkel eine unverwechselbare Gestalt aus einer Tür treten: Es ist Dave, ein bisschen müde und verschlafen. Er erkennt mich wieder, was ich nicht erwartet hatte, obwohl nur ein paar Tage seit Mailand vergangen sind. Er fragt uns wie es uns geht, küsst mich und Benedetta auf die Wangen, während Corsina in seiner Umarmung verschwindet. Ich bin glücklich, ihn in einer etwas informelleren Situation als in Mailand zu treffen: obwohl die Atmosphäre nicht angespannt gewesen war, hatten wir da das Rollenverhältnis von Interviewer und Interviewtem. Hier sind wir einfach Èèèlena und Dave.

Corsina gibt ihm ein Exemplar von Peter Gabriels ‚Scratch My Back’ und wir fragen ihn warum er nicht bei dem Projekt mitgemacht hat, da Peter Gabriel ja mit ihm Kontakt aufnehmen wollte. Er antwortet etwas erstaunt, dass er darüber nichts weiß. Wir scherzen darüber und erzählen ihm, dass Peter vielleicht vergessen hat, ihn anzurufen und ich frage Dave ob sein Anrufbeantworter funktioniert. Er bestätigt dies lächelnd, während J. herzlich lacht. Ein etwas desorientierter Dave fragt dann „Also bin ich nicht auf dieser CD, ja?“ „Nein…“ „Ok.“. Wir verabschieden uns und entscheiden uns, G. nicht mehr zu treffen. Während wir den langen Durchgang passieren kommt Tim Reynolds vorbei und hält, mit einer freundlichen Geste, die Tür auf und fordert uns auf zuerst durchzugehen. Dann fragt er uns lächelnd „Wie geht es Euch heute?“ Bei den Erinnerungen an all die Menschen, die ich in der kurzen Zeit, die ich backstage in Mailand und London verbracht habe, getroffen habe, tauchen die Gefühle von Entspannung, Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit auf. Während wir rausgehen denke ich, wie lustig es ist, dass wir G. letztendlich nicht sehen konnten, aber zufällig Dave und Tim getroffen haben.

Wir gehen zurück zum Parterre und Benedetta und ich machen uns schleunigst auf zur ersten Reihe. Um uns herum sind verschiedene Fangruppen aus Kanada, Deutschland und England. Als sie die Backstage-Pässe um unsere Hälse sehen, fragen sie wie wir sie bekommen hätten und sie hören aufmerksam zu, als wir von Con-Fusion erzählen und all den Bemühungen und der Organisation dank des unschätzbar wertvollen Personals. Auf einer Bühneseite taucht Corsina auf. Sie will uns Rodrigo Simas vorstellen, den Webmaster von DMBrasil. Unglücklicherweise können wir nicht lange miteinander reden, aber die kurze Begegnung ist ausreichend, um den Eindruck zu betätigen, dass er eine wunderbare Person ist.

Ein bisschen später, ein paar Zentimeter vor unseren Gesichtern entfernt, geben Dave und seine Kollegen das beste DMB-Konzert, das ich je erlebt habe. Vor dem Konzert hatte ich überlegt, am nächsten Tag nach Manchester zu fahren; am Ende dieser Nacht, im Taxi zur Victoria Station, habe ich dieses Bedürfnis nicht mehr. Es gibt gute Konzerte, solche die Dir das Gefühl geben, noch mehr zu wollen. Und dann gibt es da unwiederholbare Ereignisse, die dich für ein ganzes Jahr zufrieden machen. In meinem Kopf jedoch kann ich nicht, wie jeder andere um mich herum auch, aufhören darüber nachzudenken: Wann werden sie wiederkommen?

Übersetzt von Rena Purnhagen

Das Interview gibt es hier auf deutsch.
VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (1 vote cast)

von silke-s

„Unsere CD nicht zu kaufen, ist auch Demokratie“

März 28, 2010 in DMB in Europa, Interviews von silke-s

VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (13 votes cast)
Teil 2

Silke: „Klar. (Die Fragen hätte ich fast vergessen. Ich glaube, wir hätten auch zwanzig Minuten mit Daves Anekdoten zubringen können.) Zur ersten Frage: Deine Lieder lassen normalerweise viel Raum für Interpretationen und einige Deiner Fans diskutieren die Texte in Band bezogenen Foren. Fühlst Du Dich oft missverstanden oder bist Du jemals richitg sauer geworden auf einen Fan, der einen Song falsch interpretiert hat?“

Dave: „Nein, ich werde nicht sauer. Ich meine, ich bin kein perfekter Poet. Ich gebe mein Bestes, aber ich bin nicht Shakespeare. Der könnte es wahrscheinlich besser auf den Punkt bringen. In der Vergangenheit hab ich meine Texte offener gestaltet, beispielsweise bei Themen wie Liebe und so weiter. Dann war ich oft im Nachhinein kritisch mit mir selbst. Ich dachte die Texte könnten vielleicht nicht konkret genug sein. Grundsätzlich versuche ich einfach ein Gefühl, eine Stimmung rüberzubringen, was dann aber bei jemand anderem natürlich ganz andere Gefühle hervorrufen kann. Was in Ordnung ist. Wenn ich eine Situation beschreibe geht es mir mehr um die Melancholie oder die Stimmung in dieser Situation. Wenn sich jetzt jemand anders meinen Song anhört und aufgrund seiner eigenen Erfahrung andere Gefühle dabei empfindet ist das nicht falsch. In dem Sinne gibt es keine “falsche” Interpretation. Auf der neuen Platte habe ich versucht, mich klarer auszudrücken und es geht daher oft um den Kampf “Kopf gegen Gefühl”, und das ist auch das, was ich wollte. Aber wie gesagt, ich bin nicht Shakespeare.“

Silke: „Aber genau wie Shakespeare kannst Du Dich auch nicht wirklich verteidigen in dem Sinne. Es ist ja nicht möglich, dem Zuhörer direkt zu antworten oder jedes Forum im Netz zu überprüfen, um etwas klarzustellen.“

Dave: „Das habe ich einmal sogar getan. Es gab da einen, der “Last Stop” missinterpretiert hat. Für die meisten ist der Song ein klares Anti-Kriegs-Bekenntnis. Dieser Kerl aber nannte den Song anti-semitisch und das hat mich tatsächlich sauer gemacht. Aber wir haben das dann untereinander geklärt und alles war okay. Das war das einzige Mal, dass ich das Gefühl hatte, etwas klarstellen zu müssen. Aber die meisten meiner Songs sind sowieso nur “Gobbeldy Goop” (dt. “Blubberdi-Blubb” o.ä.)…

Silke, Dave und CarolineSilke: „Wie würde man das buchstabieren, gobbeldy…?“

Dave (lacht): „Vergiss es, schreib einfach “Bullshit”. (Dave schaut auf meinen Zettel, ich notiere: “BS”) Ja, genau das.“ (Heiteres Lachen bei allen Anwesenden. Ich weiß bis heute nicht, wie man das, was er sagte, wirklich schreibt.)

Silke: „Meine zweite Frage lautet: DMB unterstützen nicht nur viele soziale oder “grüne” Projekte, ihr seid auch politisch engagiert. Während politische und soziale Anstrengungen von Bands hier in Deutschland größtenteils auf Akzeptanz stoßen, verfolge ich viele amerikanische Blogger, die sich über “zu viele Statements” beschweren. (Dave beugt sich zu mir um auf meine Notizen zu schauen und ich sehe die Notwendigkeit klarzustellen, dass die folgenden Zitate nicht von mir stammen. “That’s what I found online” sage ich und lese nervös weiter, mit dem Finger auf meinem Spickzettel) Sie fragen “Warum hält Dave nicht die Klappe und macht einfach nur Musik?” Glaubst Du nicht, je mehr Projekte ihr unterstützt umso höher ist das Risiko, Fans, die Eure Meinung nicht teilen, zu verschrecken?“

Dave: „Ich kümmere mich nicht darum, ob ich Fans verschrecke. Wenn ich ein Statement mache bin ich davon überzeugt, dass es richtig ist – zumindest in diesem Moment. Ich schaue eventuell nach einer Zeit zurück auf verschiedene Aussagen und finde dass das Ziel, was ich unterstützt habe, nicht vollkommen erreicht wurde, aber das macht es ja nicht zu einer falschen Entscheidung. Zum Beispiel hat Obama noch nicht alles was ich gehofft hatte erreicht. Aber ich bin immernoch davon überzeugt, dass er seinen Job besser macht als Bush es getan hat…“

Silke: „…oder McCain es gekonnt hätte?“

Dave: „Genau. Also hat sich meine Meinung nicht komplett geändert und ich bereue auch keine meiner Statements oder die Entscheidung, Obama oder bestimmte Projekte zu unterstützen. Weil in dem Moment, in dem ich diese getroffen habe, waren sie in meinen Augen richtig. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen sich die Demokratie anders entwicklet hat, verwechseln die Leute in den USA manchmal Kapitalismus mit Demokratie. Manche schreiben sich Demokratie auf ihre Fahnen aber das, wofür sie stehen, beschreibt Kapitalismus wesentlich eher als Demokratie. Sie sind sich dessen wohl nicht bewusst, weil das ein generelles Problem in den Staaten ist. In diesem System geht es eben mehr um Kapitalismus als um Demokratie. Wenn ein Fan jetzt aber entscheidet, dass er mit meiner Meinung nichts anfangen kann und deshalb meine Musik nicht kaufen möchte, dann ist das auch eine Art, von seinem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Er unterstützt uns dann halt nicht mit dem Kauf einer CD. Er wird unsere Musik vielleicht trotzdem mögen und sie sich deshalb vielleicht woanders klauen, aber dafür werde ICH ihn bestimmt nicht verfolgen…nee, sowas würde ich nicht machen.“

Dave lächelt so verschmitzt, dass keine unangenehme Pause entsteht.

Silke: „Es soll verrückte Leute geben, die ihre Kinder nach ihrem Lieblingsstar nennen. Und manche Stars werden über die Jahre selbst zu Verrückten. Wenn ich Dich auf der Bühne Faxen machen sehe, frage ich mich manchmal, wie hoch wohl die Chancen stehen, dass mein Sohn „Dave“ (Dave reißt die Augen auf, schaut amüsiert) -der nach Dir benannt wurde- sich irgendwann für seine Namens-Geschichte schämen wird?“

Seth lacht und schüttelt bei dem Wort „schämen“ so ungläubig den Kopf, als ob sich nie zuvor jemand getraut hätte, den großen Dave Matthews so etwas zu fragen.

Dave: „Tja, wie soll ich sagen… wenn ich’s versaue, wäre das nicht dann das Problem der verrückten Mutter? (Dave schaut mich herausfordernd an, ich versuche, einen betroffenen Gesichtsausdruck zu machen, was mir aber nicht gelingt weil alle lachen.) Jetzt mal im Ernst: wenn er die Story mal nicht mehr erzählen möchte, könnte sie es ja auf einen anderen „David“ abwälzen, zum Beispiel „King David“ oder irgendeinen anderen bekannten Star wie… weiß nicht…nenn einen…“

Silke: „David Bowie?“

Dave: „Ja, der geht.“ (lacht)

Kai fragt auf deutsch, ob mein David einen Zweitnamen hat und ich erkläre der Runde -wieder auf englisch-, dass ich in Erwägung gezogen habe, „Matthew“ als Zweitnamen zu nehmen, mir das aber dann doch „zu riskant“ war. Dabei gebe ich Dave den herausfordernden Blick von vorhin zurück. Der ist immernoch sehr amüsiert.

Dave: „Selbst wenn sein Name David Matthews wäre, ist das immernoch ein verbreiteter Name. Ich wette es gibt 100 Dave Matthews allein in New York, die füllen wahrscheinlich eine ganze Seite im Telefonbuch. Ich wäre an Deiner Stelle also nicht beunruhigt.“

Silke: „In der nächsten Frage geht es auch um Familie. Viele Fans fragen sich ja, wieviel Einfluss jeder einzelne von Euch auf die Auswahl der Setlisten während der Tour hat. Ich als Mutter frage mich oft, wieviel Einfluss Eure Familien auf den Tourplan haben? Versucht Ihr überhaupt, um wichtige Geburtstage oder Hochzeitstage herum zu planen oder ist das gar nicht möglich?“

Dave: „Natürlich ist das wichtig. Wir versuchen so gut wie möglich unsere Familien einzubinden und sie bei uns zu haben. Das ist mir sehr wichtig und gewinnt sogar mehr und mehr an Bedeutung, je älter die Familienmitglieder werden.“

Während seiner Antwort schaut er meiner Schwester unuterbrochen in die Augen, wartet auf bestätigendes Nicken. Er wirkt auf uns plötzlich sehr aufgewühlt und nachdenklich.

Dave: „Das ist wirklich gerade im Moment eines der Hauptthemen, mit denen ich mich beschäftige, dass ich damit zurecht kommen muss, so weit von meiner Familie entfernt zu sein. Das müssen wir alle. Hier in Europa sind wir alle sehr weit weg von ihnen während unsere Familien uns in den Staaten oft auf den Touren begleiten können, weil dort (während der Sommertournee) keine Schule stattfindet. Auf dieser Tournee jedoch müssen wir damit klarkommen, sie einen Monat lang nicht zu sehen und es fällt uns allen sehr schwer, sie nicht dabei zu haben. Ich vermisse meine Kinder wirklich sehr, (zu mir:) wie Du Dir sicher vorstellen kannst. Mit ruhig, trauriger Stimme wiederholt er zur Bestärkung: Ich vermisse meine Kinder und meine Frau sehr. Dies ist ein sehr emotionales Thema für mich, besonders 20 Minuten bevor ich auf die Bühne gehe, wo es am wichtigsten sein sollte, dass die Leute mit uns eine gute Zeit haben.“

Dave gibt AutogrammEin Tourbetreuer kommt herein und gibt uns „noch zwei Minuten“. Wir stehen vor der Entscheidung, noch schnell die fünfte Frage zu stellen oder uns gemütlich zu verabschieden. Uns scheint es in dem Moment wichtiger, nach der letzten emotionalen Frage einen positiven Abschluss für das Meet & Greet zu finden. So schlage ich Dave vor, die 5. Frage fallen zu lassen und stattdessen noch die Poster, Hoodies und was wir sonst noch unseren Freunden aus dem Fanclub versprochen haben, zu signieren. Er scheint erleichtert und fragt routiniert, für wen die einzelnen Sachen sind. Obwohl sich bei den Betreuern allgemeine Hektik breit macht, lässt sich Dave Zeit und schlägt vor, wenigstens die Poster an die anderen Bandmitglieder weiterzugeben. Da diese sich aber alle bereits auf den Auftritt vorbereiten, wird davon abgesehen, was Dave uns gegenüber tatsächlich bedauert. Es ist schade, dass wir die restlichen DMB-Musiker tatsächlich nicht treffen dürfen.

Wenigstens der High-Hat vom Schlagzeug meines Kumpels Basti sollte von Carter signiert werden und Kai verspricht, ihn noch vor Konzertbeginn aufzutreiben. Alle helfen, die Sachen in unseren drei Taschen zu verstauen, damit wir uns noch herzlich von Dave verabschieden können. Der tritt schon nervös von einem Fußauf den anderen und fragt den „Zeitansager“, ob er „ schon Reaktionen eingefangen hat“. „Von wem?“ Dave: „Na vom Publikum, wie sind die Reaktionen bisher?“ Tatsächlich scheint er etwas Lampenfieber zu haben, was ihn uns noch sympathischer macht. Noch ein paar Küsschen rechts und links, da drückt uns Dave nochmal richtig fest und betont lange, bedankt sich für das nette Gespräch und die guten Fragen.

Distanz? Starallüren? Aufgesetzte Lockerheit? Bei Dave Matthews findet man die zumindest nicht. Für uns war er ein „Star zum anfassen“, ein Mensch mit Ecken und Kanten, der seinen plötzlichen emotionalen Wechseln freien Lauf lässt. Genau wie auf der Bühne ging auch im Faninterview im Minutentakt Lachen in Traurigkeit über, lockere Scherze in Sarkasmus. Dave scheint nie darum bemüht, einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Er ist wie er ist: nicht ohne Selbstzweifel, aber mit einem betont gelassenen Selbstverständnis. Auf der Bühne erscheint er uns später wie ein guter Freund, dessen emotionale Bandbreite man im Zeitraffer von 20 Minuten erleben durfte.

Wenn Dir dieser Artikel gefallen hat, solltest Du Dir auch diesen ansehen:
„Dave Matthews – ein Star auf Augenhöhe“

Ein Interview von Markus Hanneken und Frank Helleken in Hamburg
VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (13 votes cast)

von silke-s

„Ich bin kein perfekter Poet“

März 28, 2010 in DMB in Europa, Interviews von silke-s

VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (7 votes cast)
Zwanzig Minuten können verdammt lang sein: wenn man auf den Bus wartet, in der Endlosschleife seines Telefonanbieters hängt oder im Zahnarztstuhl sitzt. Zwanzig Minuten können aber auch viel zu schnell vergehen, wenn man mit Dave Matthews auf dem Sofa sitzt und plaudert.

KÖLN, 28.02.2010

Jetzt stehen wir hier, meine Schwester Caroline und ich, an der hinteren Bar des Palladiums in Köln, und treten nervös von einem Fuß auf den anderen. Statt wie zunächst geplant, die ersten in der Schlange und somit die ersten an der Bühne zu sein, wenn das Dave Matthews Band Konzert losgeht. Anders als in Amsterdam im vorherigen Jahr konnten wir die Laufschuhe diesmal zu Hause lassen. Hier hinten an der Bar werden wir gleich abgeholt, von Kai, einem Mitarbeiter von Warner Music. Fünf spontane Fragen auf dem sogenannten „Edelprofil“ der DMB (bei der Online-Community StudiVZ) haben mir vor einigen Tagen den Gewinn eines „Meet & Greet“ beschert. Seither habe ich kaum geschlafen, den ganzen Tag hab ich nichts essen können.

Wir und der Proudest MonkeyBepackt mit drei Taschen Merchandising von und für andere Fans (und uns selbst), einem aufblasbaren Affen (Carolines „Proudest Monkey“) und Mitbringseln für die Bandmitglieder, folgen wir besagtem Kai in den Backstage-Bereich. Von der das Palladium-Parkett umlaufenden Galerie aus beobachten wir Dave, wie er die Vorgruppe „Alberta Cross“ ankündigt. Auf einmal ist es uns bewusst: wir werden die letzten sein, die vor dem Konzert mit Dave sprechen dürfen. Hektik bricht aus. Seth (eine Art „Personal Assistant“ der Band), Kai und ein wichtiger Mensch mit Knopf im Ohr winken uns in einen schmalen Gang, vor dem wir noch nicht einmal die Chance bekommen, die vorbeispazierenden Rashawn und Jeff zu begrüßen. „Ein Treffen mit Deiner Lieblingsband“ sollte dem „größten DMB-Fan Deutschlands“ laut StudiVZ winken, da würden die beiden doch mit hinzukommen – oder etwa nicht?

Während meine Schwester sich gemütlich mit dem Rücken an die Wand lehnt und ein paar Worte mit Kai wechselt, sehe ich aus dem Augenwinkel einen fröhlich lachenden Mann mit Wollweste um die Ecke biegen. Mit wippendem Gang steuert er, von Caroline noch unbemerkt, auf uns zu. „Da ist Dave!“ stoße ich sie an und schon steht er grinsend neben uns. „Hi! Let’s go inside…?“ Gemeinsam mit der Gefolgschaft betreten wir einen kleinen Raum mit genauso kleinen Sitzgelegenheiten: einem 2er-Sofa, zwei Stühlen, Dave und Silkeeinem kleinen Tisch voller Kram und einem Regal mit Sprudel. Meine Knie schlockern, „endlich setzen“ denke ich. Spontan platziere ich mich neben Dave auf dem kleinen Zweisitzer und hätte dabei fast die beiden Akustik-Gitarren übersehen, die darauf stehen. Schnell stellt er sie für mich zur Seite, noch bin ich selbst ein Nervenbündel. „Erst einmal begrüßen“ schlägt Caroline vor und tatsächlich: Händeschütteln und Küsschen hätte ich vor lauter Aufregung fast vergessen. Dave entschuldigt sich für seine Bartstoppeln.

Dave: „Entschuldigt, dass ich heute so piekse. Ihr seht alle so gut aus und ich bin nicht mal rasiert!“

Silke: „Dafür gibt es ja Photoshop!“

Dave: „Photoshop? Aha.“

Silke: „Ja, ich kann Dich mit Photoshop rasieren.“

Dave: „Du willst mich auf Photoshop rasieren? Das hört sich aber funky an…“

Dave lacht, von Berührungsängsten mit Fans keine Spur. Er fragt uns nach unseren Namen und erkundigt sich, was es mit dem Affen auf sich hat. „That’s my proudest monkey“ sagt meine Schwester. Er nimmt ihn und schaut ihn sich genau an (später wird er ihn noch signieren). „That’s very cool.“

Als wir ihm als Gewinner eines „Meet & Greet“ vorgestellt werden, erfährt Dave zum ersten Mal, dass wir 5 Fragen vorbereitet haben. Vorauswahl, Kontrolle der Fragen: Fehlanzeige! Das Sicherheitspersonal wird aus dem Raum entlassen, übrig bleiben nur Seth, Kai, Dave und zwei Mädels, von denen die Aufregung merklich abfällt. Also überreichen wir erstmal das Gastgeschenk: 7 Flaschen Wein der Marke „Kröver Nacktarsch“ (Traditionsmoselwein aus unserer Region) versetzen Dave in Staunen. Beim Anblick des Etiketts, auf dem ein Winzer seinem kleinen Sohn den nackten Hintern versohlt, fragt er verwundert: „Bedeutet das etwa, dass betrunkene Deutsche ihre Kinder schlagen dürfen? Freaky!“ „Nein, nein, nur wenn sie ungezogen waren und heimlich Wein aus dem Fass trinken“ erkläre ich. Das gefällt ihm und er überrascht uns mit einer Anekdote:

Naked Ass Wine„Naja, anfangs dachte ich schon, alle Deutschen wären etwas freaky!“ Wir wundern uns und er erklärt. „Vor Jahren hab ich zum ersten Mal wirklich die Gelegenheit gehabt, eine Deutsche kennenzulernen. Weiß gar nicht mehr, wann und wo genau das war. Sie hieß Nina… Hagen?“ Wir drei Deutschen lachen und wiegeln ab „Nina Hagen ist schon sehr speziell, so sind nicht alle Deutschen.“ Das Eis ist endgültig gebrochen, wir sind alle am lachen. „Ich fand sie nett!“ sagt Dave schnell. „Sie hat mir erklärt, dass Deutsche ‘langsam warm werden’…“ (er macht dabei eine 1A-Nina-Hagen-Schnute, versucht ihre rauchige Stimme zu imitieren) „aber dann werden sie richtig funky!“ Spätestens jetzt hätten wir Nina erkannt, auch wenn Dave sich selbst nicht mehr an den Namen seiner „ersten Deutschen“ erinnert hätte. An ihm ist ein Profi-Schauspieler verloren gegangen. „Lebt die noch?“ fragt er besorgt. „Warum soll sie nicht mehr leben?“ fragt Kai. „Naja, es sterben dauernd Leute, hätte ja sein können.“ Meine Schwester winkt schnell ab „Sie dated glaub ich Männer, die zwanzig Jahre jünger sind als sie selbst. Ich glaub der geht es gut.“

Dave: „Gut gut, dann bin ich beruhigt. Sollen wir mit den Fragen anfangen?“


Wenn ihr wissen wollt, was Dave über seine Familie, Obama und David Bowie gesagt hat – klickt hier!

VN:R_U [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 5.0/5 (7 votes cast)

von markus-h

Dave Matthews – Ein Star auf Augenhöhe

März 9, 2010 in DMB in Europa, Interviews von markus-h

VN:F [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 4.6/5 (11 votes cast)
„Wir kommen wieder“ – Interview mit Dave Matthews.

HAMBURG. Erstmals seit 1998 ist die Dave Matthews Band auf Deutschland-Tournee. Die beiden Zeitungsredakteure und DMB-Fans Markus Hanneken (Westfälischer Anzeiger) und Frank Helleken (Mainzer Allgemeine Zeitung), interviewten Dave Matthews zum Tourstart in Hamburg. Die wichtigste Botschaft: Die Band hat Vertrauen gefasst in Deutschland und will wiederkommen!

Listen to the english audio live stream on weeklydavespeak.com.

Read the english version on weeklydavespeak.com.

Hier die portugiesische Version auf www.davematthewsbandportugal.blogspot.com.

Dabei stand der Termin noch bis drei Stunden vor Konzertbeginn auf der Kippe, bevor der erlösende Anruf kam: „Es klappt: Seid um 17 Uhr am CCH!“ Yes!

Verschlungene Wege führten schließlich in die Garderobe mit der Aufschrift „Dave Matthews“. Ein winziger Raum mit einer Fensterfront, zwei Stühlen, einem Sessel, zwei Gitarren und einem kleinen Tisch mit allerlei Pflegemitteln für geplagte Stimmbänder, einer Isolierkanne und ein paar Plektra. Am Eingang standen zwei rollbare Tourneeschränke; der eine gefüllt mit einer Auswahl dunkler Hemden, der andere mit allerlei Kleinkram für den täglichen Bedarf bestückt – und ein paar Packungen Drumsticks. Überdies lag auf dem Tisch offen eine Übersicht mit allen Songs der Band – Daves Grundlage für die aktuelle Setlist, wie er später erklärte.

Wenig später erschien die Hauptperson dieser Tage, wie üblich unscheinbar gekleidet – und doch unmittelbar präsent, mit kräftigem Händedruck und sehr natürlich: „Hi, I‘m Dave…“ Fotografieren? „Klar, macht nur, aber hübscher werde ich dadurch auch nicht…“ Diktiergerätaufnahme? „Sicher… aber ich erzähle viel Zeug durcheinander… das müsst Ihr dann später selbst ordnen…“ – Ein abgehobener Star sieht anders aus!

Geduldig wartete er jede fragende Formulierung ab – und holte bei jeder Antwort weeeiiiit aus. Meistens gestikulierend und oft grinsend, selten nachdenklich und ernst, aber stets kumpelhaft und auf Augenhöhe, gönnte er dem Gespräch satte 45 Minuten statt der erhofften 30. Einen Blick auf die Setlist des Abends bekamen wir aber trotz Nachfrage nicht zu sehen – „Ich will euch nicht die Überraschung nehmen…“ Im Westfälischen Anzeiger und der Mainzer Allgemeinen wird in den kommenden Tagen eine Kurz-Fassung des Interviews zu lesen sein, für euch gibt’s hier eine längere Fassung auf deutsch.



Markus Hanneken / Frank Helleken

ProudestMonkeys.de–Interview mit Dave Matthews

PROUDESTMONKEYS: Ihr wart mit „Big Whiskey And The Groogrux King“ nominiert für zwei wichtige Grammys (Album des Jahres, bestes Rock Album), seid aber am Ende leer ausgegangen. Wart ihr enttäuscht?

DAVE MATTHEWS: Die Nominierungen waren eine schöne Überraschung. Denn ich halte dieses Album für das bislang beste. Aber ich gebe auf die Grammys nicht allzu viel. Klasse war aber, dass wir dort unseren Song „You And Me“ spielen und die Leute begeistern konnten. Ich hatte die Idee mit den ganzen Musikern, die uns dabei unterstützten. Keine Stars wie Taylor Swift, wie es die Veranstalter wollten, sondern ganz normale Musiker, die wir teilweise kannten. Und ich sagte ihnen: Schmeißt euch bloß nicht in Schale, sondern kommt, wie ihr seid!

PROUDESTMONKEYS: „Big Whiskey“ war erneut ein Riesenerfolg in den USA; hierzulande stieß es gerade einmal kurz in die Albumcharts vor. Irgendetwas ist für euch in Deutschland all die Jahre wohl falsch gelaufen…

DAVE MATTHEWS: Dass wir in den USA sehr populär sind, hat nichts mit der Plattenfirma zu tun. Am Anfang konnten wir weder eine Plattenfirma noch andere professionelle Unterstützung finden. Ich gebe nichts auf Moden und Hitsingles, die im Radio gespielt werden. Um die Herzen der Leute zu erreichen, müssen wir für sie spielen. So erkennen sie, dass da etwas ist, das anders ist, das sie nicht erwartet haben: eine „bizarre“ Band. Man findet bei uns Jazz, Fusion, Folk, Rock, Klassisches… Wir passen in keine Schublade. Deshalb sind wir besonders in Deutschland, wo uns kaum jemand kennt, für unsere Plattenfirma Warner eine große Herausforderung. Also müssen wir auch hier jetzt auftreten und spielen!

PROUDESTMONKEYS: Deshalb seid Ihr jetzt erstmals seit 1998 in Deutschland auf Tournee?

DAVE MATTHEWS: Im vergangenen Jahr, als wir in anderen europäischen Ländern gespielt haben, merkten wir, dass es hier eine kleine, sogar leicht wachsende Gefolgschaft gibt. Und dann sprachen wir mit Warner. Und nun habe ich das Gefühl, dass sie die Schale für uns zu knacken beginnen. Wir dürfen es uns nicht zu leicht machen, Erfolg zu haben. Aber es macht ja auch Spaß: Ich will nicht aufhören, vor Leuten zu spielen, die uns nicht kennen. Es ist eine wirklich tolle und ansteckende Erfahrung, zweifelnde Leute überzeugen zu müssen.

PROUDESTMONKEYS: Welche Unterschiede nimmst du wahr zwischen den wenigen tausend europäischen und den vielen amerikanischen Konzertbesuchern?

DAVE MATTHEWS: In den Staaten ist es richtig laut, alle singen mit; das ist eine richtige Gemeinschaft. Hier liegt es wohl an der fehlenden Vertrautheit mit unseren Sachen, dass die Leute lieber zuhören. Als wir 2009 in Europa Festivals gespielt haben, konnten wir erleben, wie wir die Leute neugierig gemacht haben, die eigentlich für andere Bands da waren. Und darum geht es doch! Ich mache Quatsch auf der Bühne, damit die Leute sehen, warum ich Musik mache. Selbst wenn ich vom Tod singe oder von Traurigkeit, so geht es mir doch darum zu zeigen, dass es vor allem um Spaß geht. Singen ist ein Akt der Freude, ein Akt der Abwehr gegen all das Schlechte. Und das kann ziemlich ansteckend sein. Und im besten Fall legen die Leute dann auch unsere Platten auf!

PROUDESTMONKEYS: Eines eurer Markenzeichen sind neben langen Improvisationsteilen die für jede Show wechselnden Setlists. Wann und wie stellt ihr sie zusammen?

DAVE MATTHEWS: Ich habe eine Liste mit all unseren Songs. Und dann nehme ich die Listen der jüngsten Konzerte und jener im Jahr zuvor, um das anstehende Konzert nicht allzu ähnlich zu gestalten. Die aktuelle Setlist stelle ich ein paar Stunden vorher zusammen und lasse sie dann mindestens von Carter Beauford prüfen, weil er sie ja auch kräftemäßig umsetzen muss.

PROUDESTMONKEYS: Gibt es Europa-Pläne über die laufende Tournee hinaus?

DAVE MATTHEWS: Konkrete Pläne gibt es noch nicht, aber wir wollen Europa künftig auf jeden Fall zu einem Teil unseres festen Tournee-Programms machen. Wir wissen jetzt, dass es hier ein Publikum gibt für unsere Musik, und selbst in Deutschland werden die Hallen voll. Also ist es jetzt unser Job, wiederzukommen und die geweckten Erwartungen zu bedienen – und auszubauen.

PROUDESTMONKEYS: Euer bei den Fans sehr beliebte Saxofonist LeRoi Moore ist nach seinem tragischen Tod vor zwei Jahren durch den (unter anderem durch die Band Béla Fleck and the Flecktones) etablierten und weithin bekannten Jeff Coffin ersetzt worden. Wo siehst du die musikalischen Unterschiede zwischen den beiden?

DAVE MATTHEWS: Es gibt – technisch gesehen – weltweit keinen besseren Sax-Player als Jeff; er ist phänomenal. Er kam nicht, um LeRoi zu ersetzen oder zu imitieren, sondern um seinen Platz auszufüllen. Er musste sich zwar in die fertigen Arrangements mit der Trompete fügen. Doch wenn ein Sax-Solo ansteht, darf und soll er dieses natürlich mit seinem eigenen, anderen musikalischen Farbton spielen. Beide haben einen sehr unterschiedlichen Stil – aber letztlich spielen sie beide mit demselben großen Herzen.

PROUDESTMONKEYS: Deine Band ist politisch und sozial sehr engagiert. Ihr habt euch neben anderen US-Stars zum Beispiel sehr für die Wahl von Barack Obama eingesetzt. Nun ist er seit gut einem Jahr im Amt – kannst du zufrieden sein mit dem bisher Erreichten?

DAVE MATTHEWS: Obama war gezwungen, viele Kompromisse einzugehen. Er musste seine eigene, schwierige Partei hinter sich bringen, aber gleichzeitig den weit verbreiteten Egoismus in der US-Politik bekämpfen. Ich hatte nicht erwartet, dass er Berge versetzen würde. Aber ich erwarte einen radikalen Schnitt im Rahmen dessen, was möglich ist. Ich bin in vielerlei Hinsicht enttäuscht, auch dass wir nicht schneller aus den Kriegssituationen in Afghanistan und dem Irak herauskommen. Aber unterm Strich bin ich nach wie vor überglücklich, dass Obama unser Präsident ist und nicht John McCain. Er hat die Landkarte der US-amerikanischen Politik bereits massiv verändern können, allein weil er gewählt wurde.
VN:F [1.9.7_1111]
Wie findest Du diesen Beitrag?
Rating: 4.6/5 (11 votes cast)